Philosophie und Sprache


Soll aber eine Philosophie "Selbsterkenntnis des menschlichen Geistes" sein, so ist sie einfach nicht möglich. Denn der "menschliche Geist" ist die Summe der menschlichen Sprache, mag man beides nun am Individuum oder an der Menschheit betrachten. Der "menschliche Geist" ist das Gedächtnis des Individuums, oder eines Volkes, oder der Menschheit, wie es (das Gedächtnis) sich als Gebrauch der Wortzeichen entwickelt hat. Selbsterkenntnis der Sprache ist aber entweder eine sinnlose Wortzusammenstellung oder es bedeutet die aussichtslose Sehnsucht, mit Hilfe der Sprache in die Tiefe der Sprache einzudringen.

Dazu kommt aber noch eine traurige Schwierigkeit.

Es ist ja nicht wahr, daß die Wirklichkeitswelt unverändert nach irgend einem Schöpfungsplane fortbesteht. Die Welt entwickelt sich. Hinter ihr her, ihr nachhinkend, entwickelt sich die Sprache. Es kann also die Sprache schon aus diesem Grunde kein richtiges Weltbild geben.

Aber der Sprachschatz oder der Menschengeist, während er sich entwickelt und ziemlich lebhaft entwickelt, soll zugleich Objekt und Subjekt der Erkenntnis sein. Wäre das Objekt allein veränderlich, so könnte schon die Erkenntnis niemals ein geschlossenes System werden, ein Gedankenkreis; dieser ist aber vollends unmöglich, wenn dieser selbe Menschengeist oder der Sprachschatz zugleich Subjekt der Erkenntnis sein muß.

So mag sich der Mond (vom Erdenstandpunkt) in einer geschlossenen Ellipse um die Erde drehen; er beschreibt dennoch keine geschlossene Kurve, sondern eine sehr komplizierte Linie, weil doch die Erde sich mit ihm um die Sonne dreht. Und auch diese komplizierte Linie kehrt nicht in sich zurück, weil doch die Sonne sich mitsamt der Erde und ihrem Monde wieder um irgend ein Zentrum dreht.

So ist jedes geschlossene System eine Selbsttäuschung, so ist Philosophie als Selbsterkenntnis des Menschengeistes ewig unfruchtbar, und so kann Philosophie, wenn man schon das alte Wort beibehalten will, nichts weiter sein wollen, als kritische Aufmerksamkeit auf die Sprache. Philosophie kann dem Organismus der Sprache oder des Menschengeistes gegenüber nicht mehr tun, als ein Arzt gegenüber dem physiologischen Organismus; sie kann aufmerksam zusehen und die Ereignisse mit Namen benennen.


 © textlog.de 2004 • 14.12.2017 09:11:39 •
Seite zuletzt aktualisiert: 05.07.2005 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright