Wahrheit


Wenn das menschliche Denken, oder das Gedächtnis, oder Wahrheit die Sprache ungeeignet ist für das Zustandekommen oder für das Ausdrücken einer Welterkenntnis, so ist darunter selbstverständlich eine wahre Welterkenntnis gemeint. Denn es ist doch wohl unbestritten, daß Worte für eine falsche Erkenntnis zur Verfügung stehen. Eine wahre Erkenntnis besitzen wir nicht, aber wir wissen nicht einmal, was das ist: die Wahrheit, ohne welche die Erkenntnis keinen Wert hat.

Was ist Wahrheit? "In einem tiefen Brunnen lebt die Wahrheit, und wenn sie heraus will, klopft man ihr auf die Finger." Gut. Dann müßten wenigstens die Feinde der Wahrheit sie gesehen haben, sie kennen. Doch die Wahrheit, der man auf die Finger klopft, ist nicht die objektive Wahrheit, sie ist nicht einmal die subjektive Wahrheit, sie ist einzig und allein ein dichterisches Bild der Ehrlichkeit oder Offenheit, bat also nur mit dem Charakter zu tun und nicht mit der Erkenntnis.

Was ist Wahrheit? Alle Definitionen des Begriffs sind entweder so kindlich wie die des heiligen Augustinus ("Verum est, quod ita est, ut videtur"), der rhetorisch ausrief, die Wahrheit würde auch nach dem Untergange der Welt weiter bestehen, der aber mit solchen Sätzen wirklich mehr predigte als philosophierte; oder: die Definitionen der Wahrheit laufen auf das bewußte oder unbewußte Zugeständnis hinaus, daß der Wahrheitsbegriff nur unserem Denken oder Sprechen zu gehöre, nicht aber der Wirklichkeitswelt. So Hobbes: "Verum et falsum attributa sunt non rerum sed orationis." Für den landläufigen oder den theologischen Dualismus, der ein Denken neben oder über der Welt annimmt, wäre dann die Vorstellung von einer objektiven Wahrheit irgendwo im Sitze der Seele ausdenkbar, wenn auch für die Erforschung dieser objektiven Wahrheit nicht verwendbar. Für uns, die wir zwischen Denken und Sprechen nur mühsam einen Unterschied entdeckt haben, ist eine objektive Wahrheit irgend eines absoluten Denkens unvorstellbar. Und der Begriff der subjektiven Wahrheit grenzt auf der einen Seite zu nahe an den der Wahrhaftigkeit, auf der anderen Seite zu nahe an den der Selbsttäuschung, als daß sich nicht gerade in ihm die prächtigsten Gegensätze vereinigten.

Die objektive Wahrheit müßte, um uns etwas zu sein, ein Verhältnis aussprechen, das Verhältnis einer Idee, eines Satzes, einer Vorstellung zu der Wirklichkeit. Man wollte denn anders diese Wirklichkeit selbst die Wahrheit nennen, was sehr hübsch klänge, nur daß dann die Wahrheit aus unserem Denken, wo allein sie einen Schein von Dasein hat, hinausgeworfen wäre in das Gebiet, von deß Bezirk kein Wanderer wiederkehrt, von welchem Gebiet wir nichts wissen. Ja der Satz, "die Wirklichkeit allein ist wahr", wäre für uns unfreiwillig komisch.

Wahrheit ist die Übereinstimmung unserer Ideen, Sätze, Vorstellungen mit irgend etwas Wirklichem. Was ist dieses Wirkliche? Der Theologe bemühte dafür einst die Ideen Gottes und blieb nur die Antwort darauf schuldig, woher wir von diesem Kriterium der Wahrheit sichere Kunde erhalten können.

Der Materialist, der dagegen von der Wahrheit nur Übereinstimmung der Ideen, Sätze, Vorstellungen mit ihren Gegenständen verlangt, glaubt sich dem Theologen recht überlegen. Aber die Schwierigkeit, uns von der Wahrheit eine Vorstellung zu machen, ist hier ganz dieselbe. Wir können an die Gegenstände nicht unmittelbar heran, wir besitzen von ihnen nur unsere Ideen und Vorstellungen, können diese also immer nur mit sich selber, nie mit ihrem Ding-an-sich vergleichen. Bliebe also nichts übrig, als in der Wahrheit die Übereinstimmung unserer Ideen und Sätze miteinander zu sehen, die formale Wahrheit. Der Leser ist jetzt vielleicht vorbereitet, zu erfahren, was als Wesen dieser formalen Wahrheit (und eine andere objektive Wahrheit ist nicht da) zu entdecken ist: die Übereinstimmung der Begriffe oder Worte mit sich selbst, d. h. mit ihrer Anwendung durch, den objektiven Menschengeist ist — der Gebrauch der Sprache, mag man nun darunter die unmittelbare Sprachtätigkeit verstehen, oder den Sprachgebrauch im Sinne des Sprachgebrauchs. Und es liegt nicht der leiseste Spott in dieser Gleichstellung. Eine Wiederholung alles dessen, was über die Sprache und das Erkennen vorgebracht worden ist, eine Vorwegnahme dessen, was die Kritik der Logik und Grammatik noch bringen wird, wäre nötig, um hell zu erläutern, warum objektive Wahrheit nur in der Sprache zu suchen, warum sie eben nichts sei als der gemeine Sprachgebrauch.

Die bescheidenere subjektive Wahrheit ist aber wieder an das Individuum gebunden; sie ist nicht mehr und nicht weniger als das Wissen oder Zu-wissen-glauben eines Menschen. Die subjektive Wahrheit, die Überzeugung von der Richtigkeit eines Urteils ist nur ein Unterstreichen des Selbstverständlichen, daß wir nichts Falsches vorstellen oder glauben. Wobei man vergißt, daß unsere Sprache oder unser Gedächtnis, wie wir gesehen haben, wesentlich falsch sein muß. Die subjektive Wahrheit ist der Akt des Aufmerkens auf das, was wir gerade wahrzunehmen oder zu wissen glauben. Sie ist persönlich. Das Ich, über dessen Bedeutung wir eben etwas klarer geworden sind, entscheidet. "Es gibt einen Unterschied zwischen einer Vorstellung und dem Wissen davon, daß wir diese Vorstellung haben. Eine Vorstellung oder ein Gegenstand wird nämlich dann als gewußter bezeichnet, wenn eine Vorstellung in ihrer Existenz als von einer Ich-Tätigkeit abhängig gegeben ist" (R. Wähle: Das Ganze der Philosophie S. 356). Die Vorstellung wird zur subjektiven Wahrheit durch eine Art innerer Eigentumsergreifung. Diese subjektive Wahrheit zeichnet sich von allen den Assoziationen, welche im Gehirn blitzen und flitzen und nach Worten haschen, nur durch die Aufmerksamkeit aus, die auf sie verwandt worden ist. Sonst ist im Gehirn nichts, was mit der Wahrheit in Beziehung gebracht werden könnte. Und außerhalb der Psychologie wird man die subjektive Wahrheit doch wohl nicht suchen wollen? Wo denn? In dem Schattenreiche der Logik ? Oder in dem unzugänglichen Reiche der wirklichen Wirklichkeitswelt, wo selbst die objektive Wahrheit nur dann zu Hause sein kann, wenn sie im Denken nicht ist?

Was ist Wahrheit? Die Übereinstimmung unserer Vorstellungen, Begriffe und Urteile, kurz die Übereinstimmung unseres Denkens oder Sprechens mit der Wirklichkeit. Was ist Wirklichkeit? Die außer uns befindliche Ursache unserer Sinneseindrücke und damit unserer Vorstellungen, unseres Denkens oder Sprechens. Eigentlich dürfen wir aber Kants Fehler nicht wiederholen, dürfen wir nicht sagen, daß etwas außer uns die Ursache von etwas in uns, daß die Wirklichkeit die Ursache von unseren Vorstellungen und unseren Gedanken sei; denn der Begriff der Ursache ist ja selbst in uns, aus unseren Vorstellungen entstanden. Wir dürfen nur etwa sagen: die Wirklichkeit besteht in irgend einer Art von Übereinstimmung zwischen der Außenwelt und unserer Innenwelt. Wir gelangen also, wenn wir auch für die erste Definition das Schwanken des Begriffs Übereinstimmung auszudrücken versuchen, zu dem traurigen Satzgebilde: Wahrheit ist eine Art von Übereinstimmung unseres Innenlebens mit der Wirklichkeit, und Wirklichkeit ist eine Art von Übereinstimmung von etwas Unbekanntem mit unserem Innenleben. Anstatt Innenleben können wir jedesmal Sprache setzen. Wie aber jedes Wort unserer Sprache mit größeren oder kleineren Schwingungen zwischen verschiedenen Bedeutungen hin und her schwirrt. so steht es auch, und auch in diesem Buche, um das Wort Wirklichkeit. Bald wird es mehr konkret gebraucht und bedeutet so mit materialistischem Aberglauben die wirkende Ursache unserer Vorstellungen, bald mehr abstrakt für etwas, was man richtiger die Wahrheit der Wirklichkeit nennen sollte, Und unter solchen Umständen fragen wir immer noch: Was ist Wahrheit? Man müßte an den Wert der Logik glauben und die Wahrheit in die Übereinstimmung der Begriffe untereinander verlegen, um hoffen zu können, die Frage sei logisch d. h. tautologisch — wie wir sehen werden — zu beantworten. Auch die Begriffe wahr, gewiß und richtig wirren ein wenig durcheinander. Nicht einmal diese Verwirrung nützt uns. Nichts scheint in unserem Wissenschaftsgebäude so wahr, so gewiß und so richtig als die astronomischen Formeln und Rechnungen; und doch weiß jeder Astronom, daß seine Formeln und Rechnungen über die Planetenbahnen nur dann stimmen, wenn man von Einflüssen dritten, vierten bis n-ten Ranges absieht. Selbst die gewisseste Wahrheit ist nur à peu près wahr. Wirkliche Wahrheit ist ein metaphysischer Begriff; zum Wahrheitsbegriff sind die Menschen ohne jede Erfahrung gelangt wie zum Gottesbegriff. In diesem Sinne darf man freilich sagen: Gott ist die AVahrheit. Und: die Wahrheit ist Gott. "Worte sind Götter."


 © textlog.de 2004 • 13.12.2017 06:32:07 •
Seite zuletzt aktualisiert: 05.07.2005 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright