Ich der Kinder


Es ist bekannt, wie kleine Kinder Mühe haben, die Kenntnis ihres Körpers zu gewinnen. Wie etwa ein Monarch sein Land bereist, so erfährt das Kind nur durch Erfahrung, was es sein eigen nennen könne, d. h. was von seiner Haut umschlossen sei, und was der Außenwelt angehöre wie Kleider, Möbel u. s. w. Preyer hat darüber einige Beobachtungen mitgeteilt, die keines weiteren Beleges bedürfen. Das Kind betrachtet noch im fünften Monat seine eigenen Hände, als ob es neue Bekanntschaften wären; seine Füßchen entdeckt es gewissermaßen im achten Monate und sucht sie noch später wie andere fremde, weiche Körper in seinen Mund zu stecken; im ersten Viertel des zweiten Lebensjahres noch spielt die eine Hand des Kindes mit der anderen wie mit einem fremden Gegenstande und sucht z. B. die Finger auszureißen, wie es ein Papier zerreißt oder wie es an den Fingern eines Handschuhs zieht. Auf das Benehmen des Kindes einem Spiegel gegenüber lege ich freilich gar kein Gewicht: der Gebrauch dieses Luxusgegenstandes wird spät erlernt, wie auch die Urmenschheit endlose Zeiträume auf Erden leben konnte, bevor sie zum Verständnis der natürlichen Spiegelung gelangte, bevor irgend'ein Mensch auf der ganzen Erde wußte, wie er selbst aussah, bevor er sein äußeres Ich kannte. Sehr charakteristisch aber ist es, daß ein Kind von fast zwei Jahren ein Stückchen Zwieback, wie es das sonst den Erwachsenen in den Mund zu schieben pflegte, seinen eigenen Zehen zu essen gab. Natürlich wirkt phantastisches Spiel dabei mit, wie wenn das Kind dasselbe Stückchen Zwieback einem hölzernen Pferdchen ans Maul hält. Aber das Kind würde nicht so spielen, wenn es schon begriffen hätte, daß sein Mund und seine Füße einen gemeinsamen Magen haben.

Die Erlernung des Wörtchens ich und seines richtigen Gebrauchs bildet also durchaus keine Epoche in der Entwicklung des Kindes. Ein römischer oder griechischer Psychologe hätte gar nicht nötig gehabt, darauf zu achten, weil das römische oder griechische Kind noch nicht nötig hatte, z. B. "ich hungre" zu sagen. "Ich" wurde mit esurio mitverstanden; die tonlose Endsilbe "o" deutete das Ichgefühl ebenso an wie bei uns die tonlose Vorsilbe "ich". Der Gebrauch des Wörtchens ich bei unseren Kindern ist nicht mehr als die richtige Erlernung irgend einer anderen tonlosen Vorsilbe. Das Ichgefühl bei "trinken" des zweijährigen und bei "ich will trinken" des dreijährigen ist kaum verschieden, so wenig verschieden wie das Kaumgefühl bei dem "Tuhl" des zweijährigen und "auf den Stuhl" des dreijährigen. Eine Epoche in der Entwicklung des Kindes wäre es, wenn es plötzlich zu der Entdeckung seiner Körpereinheit käme. Aber diese Entdeckung, diese Forschungsreise dauert sehr lange. Das Kind schlägt gegen sein Köpfchen und macht die Erfahrung, daß das Köpfchen sein sei; sonst würde der Schlag nicht ihm weh tun. Das Kind beißt sich (im Anfange des zweiten Lebensjahres) in seinen eigenen Arm und erfährt, daß das kein fremdes Stück Fleisch sei. Das Kind betrachtet strampelnde Beinchen und mag durch eine Koordination von Raumgefühlen, Gesichtseindrücken, Tastempfindungen und Bewegungsgefühlen, also durch eine höchst komplizierte Geistesarbeit zu dem sehr interessanten Ergebnis kommen, das noch gar kein Gedanke ist, sondern nur eine unendlich wichtige Tatsache: diese Beinchen gehören zu mir, diese Beinchen bin ich auch noch. Das Kind erobert sich die Kenntnis seines Ich langsam mit dem Gebrauche seiner Glieder.

Diese Tatsache, daß ein Kind Gliedmaßen früher bewegt, als es sie mit sich selbst identifiziert, ist für die Entwicklung des Selbstbewußtseins weit wichtiger als die ewig wiederholte Beobachtung: das Kind lerne seinen Eigennamen früher als die Abstraktion "ich". Der Gebrauch der Gliedmaßen vor ihrer geistigen Eroberung, d. h. bevor das Kind weiß, daß sie auch zu ihm gehören, läßt sich gar nicht anders in der ungeschickten Sprache der Wissenschaft mitteilen als so: das Kind hat zuerst kein einheitliches Zentralnervensystem, es hat vielmehr verschiedene Seelen, welche in verschiedenen Teilen der Nervenmasse, z. B. im Rückenmark und in den ausgebildeten Gehirnteilen sitzen und welche ihre Verbindungen noch nicht gut hergestellt haben. Wäre z. B. das Rückenmark nicht selbständig, so könnten hirnlos geborene Kinder nicht, wie es geschieht, Arme und Beine bewegen. All das scheint mir sehr gut mit Flechsige anatomischen Beobachtungen am Gehirn neugeborener Kinder zusammenzustimmen.

Was eine neue Schwindelpsychologie von einem Doppel-Ich des hypnotischen Menschen faselt, das ist also eine Tatsache beim neugeborenen Kinde. Ja das neugeborene Kind hat vielleicht viele Ichs: wie ein Bienenstock oder eine Siphonophore. "Das Rinden-Ich ist ein anderes als das Rückenmark-Ich" (Preyer). Sehr bald mögen dann diese vielen Ichs zu einigen wenigen sich verbinden; sehr langsam aber entwickelt sich in der Hirnrinde das Zentralorgan, welches die Tyrannis ergreift, alle Meldungen entgegennimmt und alle willkürlichen Bewegungen ausführt und darum von sich selber sagt: l'état c'est moi. Auf diese Zentralisation zum Einheitskörper kommt es an, nicht auf die Abstraktion moi, ich.


 © textlog.de 2004 • 18.12.2017 15:41:28 •
Seite zuletzt aktualisiert: 04.07.2005 
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