Fortschritt sprachlos


Wie fast bei jedem Worte in dieser Wortkritik, müßte ich auch bei der Betrachtung von Verstand und Vernunft vorausschicken: Es gibt nichts Wirkliches, das dem Begriffe "Verstand" entspräche. Es gibt nichts Wirkliches, das dem Begriffe "Vernunft" entspräche. Und noch weniger gibt es etwas Wirkliches, das in die beiden Wirklichkeiten Verstand und Vernunft zerfiele. Ebensowenig wie es eine Raubtierigkeit gibt und von ihr zwei Unterarten, die Katzigkeit und die Hündigkeit.

Es gibt aber Erscheinungen, welche nach gewissen Ähnlichkeiten und höchst wahrscheinlich auch nach ihrem Stammbaum in Katzenhaftigkeit und Bündigkeit zusammengefaßt worden sind. Und auch die Begriffe Verstand und Vernunft können, wenn auch mit geringerer Brauchbarkeit, auf je zusammengehörende Erscheinungen angewandt werden. Der Sprachgebrauch ist bei solchen ausgelaugten Abstraktionen immer schwer festzustellen; denn Sprachgebrauch ist ja wohl der Gebrauch der Masse, und die Masse denkt sich bei solchen Begriffen gar nichts, noch weniger als die Denker. Nun hat aber Schopenhauer — wie eben erwähnt — Verstand und Vernunft in einer sehr verwendbaren Weise und nach dem Gebrauch der besseren Denker gegeneinander abgegrenzt. Seine Definitionen sollen gelten. Freilich nicht etwa wie Beschreibungen natürlicher Dinge, aber doch wie feste Abmachungen über strittige Grenzgebiete. Danach ist etwa Verstand die Ausdeutung der Sinneseindrücke, das Verstehen der Außenwelt durch die Sinne. Vernunft ist das sogenannte Urteilen und Schließen durch Begriffe, das Spiel der Worte, das sogenannte Denken.

Also möchte ich behaupten, daß die Kultur der Menschheit immer nur durch den Gebrauch des Verstandes weiter gekommen ist, niemals durch Worte, durch Vernunft. Die Entwicklung der Wissenschaften ist nichts weiter als die immer sorgfältigere Anwendung des Verstandes auf die Außenwelt.

Wenn ein Hund oder ein Mensch im schnellen Lauf über einen Graben zu springen hat, so mißt sein Verstand die Entfernung mit ziemlicher Richtigkeit ab; Hund und Mensch kommen über den Graben. Man nennt das: ein Größenverhältnis abschätzen. Wissenschaftlich wäre das mit den Daten des Verstandes unendlich schwer, denn Hund und Mensch haben doch nur die Winkel und Einstellungsgrößen in ihrem optischen Augenapparat als Aasgangspunkt, dazu etwa die Erfahrung über die Größe der Gewächse, der Sträucher und Blätter am Graben. Nun arbeitet der Verstand mit derjenigen Exaktheit, die die Erhaltung des Hundes oder des Menschen von ihm verlangt. Sie wollen kein Bein brechen, und derselbe Verstand, der ihnen die Breite des Grabens ausrechnet, läßt sie ihre Muskeln ungefähr mit derjenigen Kraft anspannen, die der Sprung über die und die Breite erfordert. Die Wissenschaft könnte mit dem Meßapparat des Auges heute schon die Breite berechnen, die Hund und Menschen ohne Mathematik finden. Die Kraft der Muskeln für einen bestimmten Sprung konnte die Wissenschaft heute noch nicht auch nur annähernd angeben.

Handelt es sich aber darum, über einen Fluß von tausend Meter Breite eine Eisenbrücke von einem einzigen Bogen und von einer bestimmten Tragfähigkeit zu werfen, so ist es immer noch derselbe Verstand, der über den Graben springen hilft. Und all die angewandten Wissenschaften des Brückenbaus: Geometrie und höhere Mathematik, Mechanik, Chemie und was sonst noch der Brückenbauer nötig hat, und was Jahrtausende gebraucht hat, um, mit allem Komfort der Neuzeit ausgestattet, den Balken über den Graben zu legen, das hat schon der Verstand des Urmenschen geleistet, und das leistet jederzeit der Verstand des Hundes, der über einen Graben springt. Und dieser Verstand leistet das nicht etwa symbolisch oder andeutungsweise, sondern vollständig mit Beachtung aller geometrischen, mathematischen, mechanischen und sonst physischen Einzelheiten, und das alles, ohne ein Wort zu denken, ohne ein Wort zu haben.

Ein anderes Beispiel. Es mag eine Zeit gegeben haben, wo die Menschen nicht ahnten, daß das Licht des Tages zur Sonne in irgend einer Beziehung stehe. Und der mag ein großer Entdecker gewesen sein, der eines Tages auf den Einfall kam: "Es wird immer finster, wenn die Sonne untergeht. Vielleicht kommt das Licht von ihr." Ich glaube, dieser Urmensch ist dafür von den Urpfaffen ermordet worden. Aber die Menschen schieden danach — nicht etwa den heute angenommenen Umlaufstag von 24 Stunden — sie schieden ihre Lebenszeit in Abschnitte von Tag und Nacht. Und sie haben gewiß geglaubt, Tag und Nacht seien von gleicher Länge. Für mich wenigstens haben die Ausdrücke lange und kurze Abende etwas, was an solche Uranschauung erinnert. Das war also der Anfang der Astronomie. Heute besitzt man auf Tabellen verzeichnet — kennen tut sie keiner der Gelehrten — mehr Fixsterne mit ihrer ganzen Statistik, als die verlegene Wissenschaft bequem verzeichnen kann. Die Astronomen sind heute so weit, daß sie einzelne Formationen auf der Oberfläche des Mars beobachtet haben, und daß sie genau wissen, wie hoch die Feuerbrunnen auf der Sonne springen. Auch für die Kultur der Menschheit ist dieser Fortschritt der Wissenschaft etwas dienlich gewesen. Die Kapitäne können mit ihren verbesserten Instrumenten besser peilen, und die mitteleuropäische Zeit gestattet den Bürgermeistern der großen Städte, noch regelmäßiger als sonst zu Mittag zu essen. Von den Segnungen des Metermaßes ganz abzusehen. Nun ist es aber genau derselbe Verstand, der einstens Tag und Nacht unterschied, der nachher genauer zusah, sein Verfahren verbesserte und endlich die Abteilung dieser Erfahrungsvorräte unter der Filialfirma Astronomie auf getan hat. Diese ganze Wissenschaft ist natürlich in Worten niedergelegt. Man achte aber wohl darauf, daß jede einzelne Entdeckung jedesmal und jederzeit wortlos entdeckt, wortlos erblickt worden ist. Wie jemand, der ein Meteor sieht, die Leute zusammenruft und es ihnen erzählt, seinen Schrecken beschreibt und Hungersnot prophezeit. Das Überflüssige und Sinnlose faßt er in Worte. Als er das Neue sah, hat er das Maul gehalten.

Nun wird man mir einwenden, daß in besonders berühmten Fällen ein Stern, bevor man ihn noch sah, durch wissenschaftliches Rechnen entdeckt worden ist, also durch die Vernunft. Und von meinen drei Lesern werden zwei lachend hinzufügen: Der Kerl hat ja ganz vergessen, daß alle diese positiven Wissenschaften nur mit Hilfe von Mathematik weiter gekommen sind, und daß diese unaufhörlich mit Zahlen und Buchstaben arbeitet. Also mit der Vernunft, mit der Sprache.

Das eben leugne ich, und wenn es Steinthal behauptet.

Daß die berühmte rechnerische Entdeckung des Neptun nicht Deduktion war, sondern Induktion, nicht Schlußfolgerung, sondern Wahrnehmung, eine indirekte Wahrnehmung natürlich, wie jedes Blicken durch das Mikroskop oder Teleskop eine indirekte Wahrnehmung ist, — daß also die Entdeckung des Neptun nicht eine Tat der wortreichen Vernunft, daß sie eine Tat des wortlosen Verstandes war, das wird man in der Kritik der Logik (III. Band dieses Werkes, S. 403 ff.) ausführlich dargestellt finden. Ebenfalls im III. Bande (ini VI. Kapitel des ersten Teils) wird der Nachweis folgen, daß Zahlworte sich anders verhalten als andere Worte, daß sie keine Begriffe sind. Hier nur eine kurze vorläufige Antwort.


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