Verrückte Genies


Bevor die Geisteskrankheiten naturwissenschaftlich unter-sucht waren, hatte diese Zusammenstellung von Genie und Wahnsinn einen naiven oder doch naivmetaphorischen Sinn. Der W ahnsinnige war von etwas Fremdem, von bösen Geistern besessen, die man zur Not in Säue oder sonstwohin treiben konnte; ebenso steckte im Genie etwas Fremdes, eine Gottheit, ein Genius, woher eben der Name "Genie". Unter dieser Voraussetzung durfte Platon die Kunst eine theia mania, eine göttliche Manie nennen, Aristoteles (nach Seneca) sagen, es gebe kein großes Genie ohne Beimischung von etwas Verrücktheit*), durfte Horatius die dichterische Begeisterung einen liebenswürdigen Wahnsinn nennen und wie die klassischen Zitate sonst heißen, die sich von einer Schrift über das Genie zur anderen fortschreiben. Seitdem der Teufel aber aus Wahnsinnigen oder Reformatoren wenigstens nicht mehr von der offiziellen Wissenschaft ausgetrieben wird, seitdem anderseits weder begeisterte Künstler noch Schwachsinnige und Epileptiker allgemein als Heilige verehrt werden, sollte doch wohl die Gleichstellung von Genie und Wahnsinn für eine Pöbelansicht gelten. Ich lese aber, daß schon vor Lombroso der bessere Moreau de Tours das Genie eine Art Geisteskrankheit genannt habe, und bemerke, daß auch Max Nordau in seinem Buche "Entartung" genau genommen zu dem Ergebnis kommt: jeder ungewöhnliche Mensch sei verrückt, wie denn der ganz gewöhnliche Mensch allerdings alltäglich von einem verrückten Genie zu sprechen pflegt, wo sein Begreifen aufhört.

Mir ist dabei zu Mute, als wäre die Mehrheit, welche ja nach unseren Staatslehrern berechtigt ist, die Minderheit auszurauben und hinzurichten, auch noch weiter berechtigt, diese Minderheit zu beschimpfen, so zwar, daß ich es nicht für unmöglich halte, das Wort Minderheit oder besser "Minorität" werde in unseren Tagen noch selbst zum Schimpfwort werden und außer Lump und Dieb auch noch etwas wie "verrückt" bedeuten. Denn es wird immer die entschiedene Minderheit der Menschen sein, welche sich entweder durch Genie oder durch Wahnsinn von der Menge unterscheidet.

So lange der Wahnsinn nicht genauer beobachtet war, konnte das Wort leichter — wie eben Worte — einen ehrenden oder beschimpfenden Charakter tragen. Der unwissende Lombroso gebraucht darum noch das alte Wort "Wahnsinn", der gebildete, ja geistreiche Nordau hilft sich, indem er das neue Wort "Entartung" (im Französischen, von wo die Lehre ausging, und wo Nordau sie gelernt hat, führt der Prozeß der dégénération allmählich zum Zustand der dégénérescence) bald im Sinn des Prozesses, bald in dem des Zustandes nimmt, indem er dann den Zustand Undefiniert läßt und so jedes Ungewöhnliche unter dem Begriffe Entartung begreifen kann.

Dieser Gefahr ist freilich jeder ausgesetzt, der über solche Grenzbegriffe zu denken oder zu schreiben wagt. Genau definierbar ist weder "Genie" noch "Wahnsinn". Der Sprachgebrauch macht keinen scharfen Unterschied zwischen Genie und Talent und ebenso weiß die Psychiatrie nicht immer genau anzugeben, wo Wunderlichkeit aufhört und wo Wahnsinn anfängt. Auch meine Erklärung läßt Grenzgebiete namenlos sowohl zwischen dem Wahnsinnigen und dem Sonderling als zwischen dem Genie und dem Talent, wobei es auffallen muß, daß zwischen dem bloßen Talent und dem Sonderling kein Vergleichungsgrund besteht.

Für meine Ansicht möchte ich nur noch anführen, daß Joly (Psychologie des grands hommes) das Genie "le don de créer" nennt; gegen meine Ansicht den allgemeinen Gebrauch, der in der sogenannten Sturm- und Drangperiode von dem Wort Genie gemacht worden ist. Die jungen Herren (das Original Goethe sowohl als seine Vorgänger und Nachahmer) nannten sich Genies oder Originale. Selbst Kant noch gebraucht in seiner Anthropologie das Wort so, daß er unter Original und Genie dasselbe versteht: "aber ein Schlag von ihnen, Geniemänner, besser Genieaffen genannt, hat sich unter jenem Aushängeschild mit eingedrängt."

Es wird also nichts übrig bleiben, als vor einer neuen und tieferen Untersuchung die Begriffe Genie und Wahnsinn erst noch zu definieren, was mir eben doch nicht gelungen ist.

Und so darf ich nur metaphorisch, echt sprachlich, bildlich wiederholen, wie sich Genie von Wahnsinn unterscheide und wie es ihm ähnle.

Unsere Erinnerungen sind wie die farbigen Glasstückchen in einem Kaleidoskop. Der gewöhnliche Flachkopf läßt es verstaubt im Winkel stehen oder blickt mal hinein, wie der Zufall es geordnet hat, ohne es zu schütteln; das Talent schüttelt an dem Kaleidoskop und sieht und zeigt besonders lebhafte Gruppierungen; der Wahnsinnige schüttelt das Instrument heftiger, hält die Ungestalten für lebendig und fürchtet sie oder freut sich an ihnen; das Genie sieht ebenfalls lebende Gestalten, fühlt Schauer oder Freude, aber es kann das Kaleidoskop lächelnd fortlegen und die neuen Gebilde ohne Täuschung festhalten.

So gleicht die willenlose Phantasie des Wahnsinnigen einem steuerlosen Schiff; die Phantasie des Genies aber dem fliegenden Holländer; kein Steuermann ist zu sehen, aber durch Nacht und Sturm fährt das Gespensterschiff dennoch seinem schrecklichen Ziele zu, denn das Steuer ist fest — die unsichtbare große Persönlichkeit.

 

*) Wenn aber Aristoteles einmal selbst sagt: "Die sich in Philosophie, Politik, Poesie oder Kunst ausgezeichnet haben, sind alle schwermütig gewesen," so macht er eine feine Bemerkung, die freilich zu allgemein ausgedrückt ist und unsern Gegenstand nicht betrifft.

 

 

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