Flechsig


Flechsig, dessen Schrift über "Gehirn und Seele" (2. Ausgabe 1896) mir natürlich zur Orientierung gedient hat, weist mit Recht darauf hin, daß seine Einteilung des Gehirns in Sinnes- und in Assoziationszentren sich recht gut mit der uralten Unterscheidung von Verstand und Sinnlichkeit decke. Viel wertvoller wäre es uns jedoch gewesen, wenn Flechsig irgendwie ein physiologisches Korrelat zu der psychischen Tatsache des Gedächtnisses entdeckt hätte. Oder wenigstens gesucht. Denn weder Flechsig noch sonst jemand ist verpflichtet, physiologische Korrelate zu Abstraktionen der menschlichen Sprache zu finden; die Gehirn Struktur müßte sich denn so oft von Grund aus wandeln, wie die wissenschaftliche Terminologie der Psychologie. Den Forscher Flechsig hat nun von der Stellung falscher Fragen seine Verachtung der Psychologie zurückgehalten, die aus einer begreiflichen Scheu vor der psychologischen Terminologie herstammen mag. Wo er sich dennoch auf das Gebiet der Seele begibt, setzt es darum Redensarten, wie wenn er einmal die Seele für eine Funktion des Körpers erklärt. So kommt er nur gelegentlich dazu, des Gedächtnisses Erwähnung zu tun. Er stellt fest, daß mit Zerstörung insbesondere der geistigen Zentren regelmäßig das Gedächtnis in großer Ausdehnung leidet, und daß die mikroskopische Anatomie nicht zeigt, wo sich Gedächtnisspuren befinden. In einer Anmerkung erst macht er darauf aufmerksam, daß an jedes Assoziationszentrum die komplizierten Leistungen des Gedächtnisses, des Schlußvermögens. der Kombinationsfähigkeit u. s. w. gebunden sind. Ihm ist also das Gedächtnis (wogegen sich nichts einwenden ließe) ein abstrakter Begriff, eines von den gefährlichen Seelenvermögen, während ihm die Assoziationen schon eher Wirklichkeiten sind. Wir aber wissen, daß weder Sinneseindrücke, noch Assoziationen ohne dieses Gedächtnis zu stände kommen können, und fragen darum noch früher nach den Organen des Gedächtnisses als nach den Sinneszentren und den Assoziationszentren. Dazu kommt für uns noch ein anderes Kreuz. Von da und dort gesehen, fällt für uns der Begriff des Gedächtnisses und der Begriff der Sprache zusammen. Beide mit dem Begriffe Bewegung. Auch die gehörte Sprache ist Bewegungserinnerung, geht auf motorischen Bahnen. Das sensorische Zentrum der Sprache, das später als das alte Brocasche Sprachzentrum entdeckt oder erfunden wurde, kann also gar kein sensorisches oder doch kein rein sensorisches "Zentrum" sein. Flechsig spricht einmal von tausendzelligen, hunderttausend-, ja millionenzelligen Vorstellungen; er meint offenbar Erinnerungen, deren einzig wahrnehmbare Zeichen die Worte sind. Dieser bestimmt anzunehmenden Gehirntätigkeit gegenüber, wo dann das gesamte Gehirn, ja die gesamte Nervenmasse als ein einheitliches Organ des Gedächtnisses, der größere Teil der Gehirnmasse als ein einheitliches Organ der Sprache erscheint, ist seine Hypothese von den getrennter, Sinnes- und Assoziationszentren ganz unfruchtbar. Psychiater mögen darüber entscheiden, ob sie für die Heilkunst bei Geisteskranken fruchtbar sei. Aber auch im günstigsten Falle, auch wenn bestimmte Ausfallserscheinungen des Sprachkranken es dem Chirurgen noch öfter ermöglichten, die Trepanation hilfreich an bestimmten Schädelstellen vorzunehmen: für die Erkenntnis des innersten Sprachmechanismus wäre nichts gewonnen; Chinarinde heilt Malaria, und wir wissen trotzdem nicht, was da heilt, und was da krank ist. Hört ihr mein Lachen, wenn jemand mir erwidert, Bakteriologie und Chemie wissen das? Die unzähligen Formen von Geisteskrankheit, die in ihren Kombinationen jeder festen Begriffseinteilung spotten, lassen sich auf makroskopische Gehirnprovinzen sicherlich nicht verteilen. Vielleicht achtet einmal die mikroskopische Gehirnanatomie darauf, daß die Nervenbahnen vom äußeren Sinnesorgane bis zum sogenannten Sinneszentrum immer einen auffallend langen Weg suchen; vielleicht geht auf diesem Wege eine Art geistiger Verdauung der äußeren Sinneseindrücke vor sich; vielleicht besteht die Gehirnarbeit vornehmlich in dieser geistigen Verdauung und der damit verbundenen Ausscheidung des Unverdaulichen. Doch es wäre mehr als gewagt, wollte ein Laie dort weiter dringen wollen, wo die Fachleute nicht einmal eine Beschreibung versuchen, wo z. B. Flechsig selbst sich bei Betrachtung der Ursachen von Geisteskrankheiten mit dem niedlichen Worte "individuelle Vulnerabilität" jedes einzelnen Zentrums behilft. Ich spreche also keine neue Hypothese aus, zu welcher mir jegliche Berechtigung fehlt, sondern nur abermals einen Zweifel an der neuesten Phrenologie, welche die Fehler der alten Phrenologie so grundsätzlich vermeidet, daß sie über das Organ des Gedächtnisses nichts zu sagen weiß. Und ich bleibe mir bewußt, daß ich mit jeder Anregung zur Psychologie der Sprache doch bestenfalls nur die Sprache der Psychologie verbessern helfen kann.

 

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Seite zuletzt aktualisiert: 03.07.2005