Talent


Die letzten Beispiele werden am besten zeigen, was wir eigentlich unter subjektiver und was wir unter objektiver Aufmerksamkeit verstehen. Nach dem unklaren Darwinistischen Begriff der Evolution soll die Aufmerksamkeit, meinetwegen die bewußte Aufmerksamkeit, zugleich Ursache und Wirkung der menschlichen Zivilisation sein. Entkleiden wir den Satz seiner scholastischen Fassung, so würde er ungefähr besagen: das Seelenvermögen der Aufmerksamkeit ermöglicht die Steigerung der anderen Seelenvermögen und führt wieder zur Steigerung des Aufmerksamkeitsvermögens. Das ist sogar recht gut vorstellbar, wie uns denn überhaupt die veraltete Sprache oft vorstellbarere Sätze liefert als die Sprache der neuesten Wissenschaft. Wir ahnen gleich, daß es um die Aufmerksamkeit aus irgend einem inneren Grunde so beschaffen sein muß wie um das Gedächtnis, das ja ebenfalls am Anfang aller geistigen Entwicklung steht und sich doch wieder mit ihr steigert. Ich weiß nun nicht, ob der sprachliche Ausdruck schärfer oder verschwommener wird, wenn wir jetzt an Stelle von Aufmerksamkeit oder Gedächtnis das landläufige Wort Talent setzen. Es führt aber die schöne Phrase Ribots auf diesen Ausdruck zurück. Es tut mir leid, aber die klingende Phrase Ribots sagt wirklich nichts anderes als: "Nur das Talent ist entwicklungsfähig, denn es kann zum Talent entwickelt werden." Ich erinnere mich, vom Bildhauer Reinhold Begas mehr als einmal das hübsche Epigramm gehört zu haben: "Aufmerksamkeit ist Talent, Talent ist Aufmerksamkeit. " Als Epigramm ist die Bemerkung wertvoll; bei jeder solchen Tautologie steckt der Wert in der Betonung eines Gliedes. Gegenüber dem Geschwätze von Genie und Talent ist es wertvoll, wenn ein Meister aus seiner Erfahrung sagt: der Götze Talent ist eigentlich ein viel einfacheres und bekannteres Ding, nämlich die Aufmerksamkeit; man hat Talent für dasjenige, wobei man aufmerkt, was man sich merkt. Schließlich aber sagt das Epigramm für uns nicht mehr als die Tautologie, die ich Ribot in den Mund gelegt habe.


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