Fixe Ideen


Wie wenig es auf das subjektive Gefühl ankommt, das sieht man am besten bei einer Betrachtung derjenigen Zustände, die man einer krankhaften Aufmerksamkeit zuschreibt. Daß nur ein personifizierender Wortaberglaube die Aufmerksamkeit krank nennen kann, sei nur nebenher erwähnt. Hier kommt es mir nur darauf an, festzustellen, daß man diese geistigen Krankheitszustände ganz willkürlich bald der Aufmerksamkeit, bald der Zerstreutheit zuschreiben kann. In diesem Punkte steht es um den zerstreuten Gelehrten ähnlich wie um den Irrsinnigen, der im Banne einer sogenannten fixen Idee steht. Die Irrenärzte unterscheiden drei Arten oder Stadien einer fixen Idee, z. B. im Zustande des Verfolgungswahnsinns: die fixe Idee kann sich durch so unbedeutende Anzeichen verraten, daß noch niemand den ängstlichen Mann für krank halten wird, sie kann sich durch furchtbaren Schrecken und dergleichen äußern, sie kann auch zum Mord oder Selbstmord führen. Für die praktische Behandlung des Kranken sind diese Unterschiede wichtig, nicht für die Frage, was eigentlich die fixe Idee sei. Es ist am bequemsten, die fixe Idee eine Aufmerksamkeit zu nennen, die sich allein durch den höchsten Grad und durch die Dauer von der gespannten Aufmerksamkeit gesunder Menschen unterscheidet. Wird ein gesunder Mensch durch plötzliche und lebhafte Erregung seines Interesses, durch eine sogenannte Überraschung erfaßt, so ist die Wirkung für die nächsten Augenblicke der einer fixen Idee ähnlich. Westphal macht einmal die Bemerkung, daß die fixe Idee sich unter den übrigen krankhaften Gehirnzuständen dadurch auszeichne, daß nicht der Inhalt, sondern die Form des Denkens gestört sei; wer eine fixe Idee hat, der stellt sich gewöhnlich nichts Unsinniges vor, sondern wendet nur einer an sich möglichen oder gar richtigen Idee eine krankhaft gesteigerte Aufmerksamkeit zu. Die Krankheit liegt also im Grade. Eine ähnliche Steigerung der Aufmerksamkeit ist doch wohl auch die Ursache derjenigen Exaltationszustände religiöser und erotischer Art, die der Sprachgebrauch vom Wahnsinn unterscheidet. Schon vorher ist auf das Beispiel der Märtyrer aufmerksam gemacht worden. Es wird ferner berichtet, daß vor mehr als fünfzig Jahren, als Operationen noch ohne Narkose ausgeführt wurden, die Kranken mitunter die Schmerzen vergaßen, ich möchte sagen überfühlten, indem sie während der Operation ihr Denken auf irgend einen anderen Punkt mit äußerster Aufmerksamkeit konzentrierten.

Da wir nicht wortabergläubisch sind und keinen Götzen Krankheit als Ursache dieser Erscheinungen anerkennen, so können wir ohne Inkonsequenz auch den Bewußtseinszustand im Traume und in der Hypnose als gesteigerte Aufmerksamkeit auffassen. Die wirklich beobachteten Tatsachen der Hypnose zeigen allesamt, wie die Gehirnarbeit des Hypnotisierten durch eine äußere Anregung, durch ein laut gesprochenes Wort und die dadurch erweckte Vorstellung, in eine einseitige Richtung gedrängt wird. Im Traume ist diese Anregung ebenso oft von außen, durch einen Schall, hineingetragen; noch öfter wahrscheinlich durch die nicht nachweisbare Tätigkeit der Assoziation. Beim Hypnotisierten jedoch, ebenso wie beim Träumer ist eine Wirkung der Anregung ohne einen vorausgehenden Bewußtseinsinhalt, also ohne vorausgegangene Gedächtnistätigkeit unmöglich. Es ist eine Lüge, daß Somnambule jemals eine Sprache geredet haben, die sie niemals vorher gehört hatten. Der Musiker Tartini hat sich im Traume eine neue Melodie einfallen lassen, nicht ein neues Gemälde. Ich habe an mir selbst (freilich nur ein einziges Mal) erlebt und es ganz sicher festgestellt, daß mir die Fabel einer Novelle im Traum einfiel, d. h. daß sich eine unmittelbar vor dem Einschlafen gelesene Sage im Traume umwandelte und daß ich beim Erwachen diese Umwandlung für einen erzählenswerten Novellenstoff hielt.

In allen diesen Fällen einer einseitig gesteigerten Gehirntätigkeit, bei der fixen Idee, der Ekstase, der Hypnose und dem Traume ist es, wie gesagt, bequem, von einer angespannten Aufmerksamkeit zu reden, aber doch nur insofern, als der wissenschaftliche Untersucher seine Aufmerksamkeit auf das Innenleben in diesen Zuständen richtet, auf die erhabene Seite, auf den Abdruck des Siegelrings. Richten wir unsere Aufmerksamkeit auf die vertiefte oder negative Seite, so haben wir überall die Erscheinung der Zerstreutheit vor uns. Solange der Wahnsinnige uns verbirgt, worauf seine fixe Idee gerichtet ist, so lange haben wir einen Zerstreuten vor uns. Kaum ein Zustand kommt dem des Wahnsinns näher als der eines völlig trunkenen Menschen. Der Trunkene kann in den ersten Stadien sehr lebhaft wahrnehmen und handeln; seinem Lebensplane gemäß apperzipieren aber kann er nicht mehr. Sprichwörtlich ist es, daß er die Wahrheit zu sagen liebt. Die Wahrheit sagen widerstreitet dem Interesse der meisten Menschen. Apperzipieren heißt, unter den möglichen Eindrücken der Wirklichkeitswelt je nach dem Interesse, d. h. nach dem bisherigen Bewußtseinsinhalt einen bestimmten Eindruck für die Richtung der Aufmerksamkeit auswählen. Das kann der Trunkene so wenig wie der Wahnsinnige. Er ist vom Standpunkte seines Interesses zerstreut und wird in den weiteren Stadien der Trunkenheit immer zerstreuter. Für uns, die wir das Interesse als eine "Funktion" des Gedächtnisses erkannt haben, ist es kein Zufall, daß Trunkenheit und Wahnsinn Ausschaltungen oder Erkrankungen des Gedächtnisses oder der Sprache sind.


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