Aufmerksamkeit und Wille


Die Beziehungen zwischen dem Willensbegriff und dem Aufmerksamkeitsbegriff, sind sehr zahlreich. Wundt hat (Phys. Ps. II, S. 240 u. f.) darauf hingewiesen. Er nennt dabei den Willen eine Funktion des Bewußtseins und denkt sich darunter vielleicht etwas. Sicher ist, daß unser Wille, oder was wir so nennen, sowohl bei aufmerksamem Wahrnehmen wie bei aufmerksamem Vorstellen in Aktion treten kann. Mit allerlei Wortzusammenstellungen oder Schlüssen kann man von da ab die oben aufgeworfene Frage, ob der Primat der Aufmerksamkeit dem physiologischen oder dem seelischen Vorgange zukomme, prächtig mit Worten entscheiden: natürlich den seelischen Vorgängen, wenn der Wille eine Funktion des Bewußtseins ist und die Aufmerksamkeit lenkt. Wir stehen dann wieder mitten in einer Psychologie, welche einer Wildensprache würdig wäre. Das Seelenvermögen Wille lenkt das Seelenvermögen Aufmerksamkeit; der Obergott Zeus hat der Untergottheit Pallas Athene zu befehlen. Wir aber kennen keine Seele und kein Seelenvermögen, also auch nicht das Seelenvermögen des Willens. Wir glauben nicht, die unbekannte Aufmerksamkeit durch den ebenso unbekannten Willen erklären zu können. Wir sind durch unsere Untersuchung nur dahin geführt worden, daß das x, welches bisher für uns den Wert "Aufmerksamkeit" hatte, nun dem Werte "Wille" sehr nahe kommt, so daß wir in Fällen der lebhaftesten Aufmerksamkeit geradezu die Empfindung des Wollens, den Schein des freien Wollens besitzen. Menschliche Handlungen sind durch das ererbte und erworbene Gedächtnis notwendig bedingte, anpassende Reaktionen gegen die Außenwelt; die Handlungen oder Bewegungen sind Endglieder einer Kette, an deren Anfang wir die Empfindung eines freien Willens haben. Genau so steht es um die Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit ist die Arbeitsempfindung des sich anpassenden Gedächtnisses, und diese Empfindung setzen wir an den Anfang der gewöhnlich rasch ablaufenden Kette. Tritt unser Körper sehr makroskopisch in Aktion, springen wir ins Wasser oder geben wir unserem Nebenmenschen eine Maulschelle, so nennen wir die am Anfang der Bewegung stehende innere Begleiterscheinung unseren Willen, unseren freien Willen; lassen wir unsere Organe, ohne etwas zu sehen und zu hören und ohne die physiologischen Bedingungen zu kennen, so arbeiten, daß wir ein Erinnerungsbild und seine Assoziationen festhalten, so nennen wir das Aufmerksamkeit, je nach Umständen unfreiwillige oder freiwillige Aufmerksamkeit. Lassen wir die Nerven und Muskeln unseres Sehapparats so arbeiten, daß ein Gesichtseindruck gut beleuchtet und scharf umrissen auf den Fleck des deutlichsten Sehens fällt, so gestattet die gemeine wie die wissenschaftliche Sprache beides, nämlich diese Arbeit entweder unsere Aufmerksamkeit oder unseren Willen zu nennen. Kurz: die Anpassungsarbeit unseres Gedächtnisses beginnt mit einer inneren Begleiterscheinung, die wir Willen nennen, wenn diese Arbeit größere Muskelgruppen bewegt; die wir Aufmerksamkeit nennen, wenn diese Arbeit entweder nur kleinere Muskelgruppen bewegt oder nur vasomotorisch bezw. nur in den Nerven tätig ist.


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