Aufmerksamkeit kein "Vermögen"


Unser wichtigstes Augenmerk muß es sein, unsere gespannte Aufmerksamkeit müssen wir andauernd darauf richten, daß wir den Begriff "Aufmerksamkeit" nicht personifizieren, daß wir uns nicht ein bestimmtes Seelenvermögen "Aufmerksamkeit" vorstellen, welches irgendwo im Gehirn residiert und unsere Gedanken lenkt. Die Psychologen — von Condillac bis Ribot —, welche das Gefühl der Aufmerksamkeit untersucht haben, haben sich selbstverständlich nach Kräften vor dem Fehler der Personifikation gehütet; aber lange nicht genug. Immer wieder guckt es wie ein Seelenvermögen aus ihren Darlegungen heraus, und auf einen wichtigen Punkt haben sie nicht klar hingewiesen: daß wir unter Aufmerksamkeit näinlich bald den relativ passiven Zustand verstehen, der in uns unbewußt durch äußere Objekte erregt wird, bald den ganz aktiven Zustand, in welchem wir die sogenannte Aufmerksamkeit auf einen äußeren Gegenstand absichtlich richten. Um doch wenigstens von einer vorläufigen Definition auszugehen, welche diese beiden Zustände umfaßt, wollen wir den folgenden Satz hinstellen: Aufmerksamkeit ist die Empfindung einer Anstrengung, die uns das Apperzipieren einer Wahrnehmung kostet. Wir sehen sofort, daß die Frage nach dieser Empfindung mit den Fragen nach dem Wesen der Gehirnarbeit und der Apperzeption zusammenhängen wird; und daß diese Empfindung wiederum als relativ passiv mit dem Interesse, nach unserer Sprachkritik also mit dem Gedächtnis, daß diese Empfindung als aktive mit den Geheimnissen des menschlichen Willens zusammenhängt. Wir sehen also, daß wir mit den Mitteln unserer Sprache kaum zu einer völlig befriedigenden Definition gelangen werden.


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