Lesen


Beim Lesen werden wir durch die gesehenen Lautzeichen zum stillen Denken angeregt; das stille Denken erzeugt dann die Bewegungserinnerungen. Auch die Physiologie fängt zu erkennen an, daß das Sehzentrum der Hirnrinde erst durch seine Verflechtung mit dem (motorischen) Sprachzentrum das Gelesene verstehen lehrt, mag man dabei unter den Zentren was immer verstehen. Diese Verflechtungsbahnen werden vom Kinde beim Lesenlernen mühsam erzeugt und dann eingeübt. Sie sind niemals so glatt wie die geraden Wege. Der Bauer muß beim Lesen hörbar buchstabieren. Auch ich muß es mitunter tun, wenn ich eine besonders schwierige Stelle lese oder eine Ablenkung zu überwinden habe. Man sagt gewöhnlich, daß ein ungeübter Leser "die Lippen bewege". Das ist nicht ganz richtig. Er bewegt (etwas stärker als beim Denken) alle Sprachmuskeln; die Lippen aber sind die äußersten und sichtbarsten Sprachmuskeln, nach den vorderen Mundpartien hat sich aus den hinteren Partien des Schlundes die Sprache gewöhnt, als sie nach einem glücklichen Ausdrucke Baudouin de Courtenays vermenschlicht wurde; darum allein wird das Denken oder Flüstern der Lippenlaute am ehesten wahrgenommen.

Daß die Artikulationsbewegungen das eigentliche Denken ausmachen, wird auch dadurch wahrscheinlich, daß wir beim Lesen (trotzdem wir bekanntlich viele Worte auf einmal überblicken) doch Wort für Wort durch unsere Aufmerksamkeit ziehen lassen müssen, um den Sinn zu verstehen. Genügten unsere Augen, so könnten wir eine Seite ebenso zusammenfassend begreifen, wie wir mit den Augen ein ebenso großes Bild zusammenfassend im Augenblick wahrnehmen. (Wenn's nämlich wahr ist; wenn wir nicht auch eine Zeichnung, ein Bild, erst nachzeichnen, nachmalen müssen.) Auch bleibt das Gelesene gewöhnlich nicht durch Schriftzeichen, sondern durch hörbare Worte in der Erinnerung haften.

Wie beim Lesen das Verstehen durch Artikulationsvorstellungen allein ermöglicht wird, ebenso beim Hören.

Es gibt Menschen, die die Artikulationsbewegungen, die wir beim stillen Denken wahrgenommen haben, auch beim Anhören einer scharf betonten Vorlesung empfinden. Sprechkünstler unter den Schauspielern wollen nach langem Hören das Gefühl der Heiserkeit empfunden haben.


 © textlog.de 2004 • 12.12.2017 01:48:20 •
Seite zuletzt aktualisiert: 03.07.2005 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright