Aberglaube in den Worten


Läge der Fehler nicht tiefer, so könnten wir uns damit trösten, daß von Geschlecht zu Geschlecht alte Aberglauben und Vorurteile überwunden werden, daß trotz dieser Eigenschaft des Gedächtnisses die Erkenntnis der Menschheit fortschreite, daß am Ende jeder Aberglaube durch Wissenschaft vernichtet werde. Und weil wir durch unsere Kritik der Logik erfahren werden, daß unsere arme Kenntnis von der Wirklichkeitswelt nicht erst in den Urteilen und Schlüssen, sondern bereits in den Begriffen oder Worten steckt, so könnten wir das auch so ausdrücken: es werde dieser Fehler des Gedächtnisses uns nicht verhindern, am Ende zu richtigen Begriffen von der Wirklichkeitswelt zu gelangen. Ich habe darum vorhin schon Darauf hingewiesen, daß ein Aberglaube schon im Begriffe oder Worte Freitag, schon im Begriffe oder Worte Vollmond mit enthalten sei. Nun ist es aber eine ganz figürliche und uneigentliche Ausdrucksweise, wenn wir von der Sprache als von einem, Hilfsmittel des Gedächtnisses reden. Wir können unser Gedächtnis an ähnliche Dinge so wenig von den Begriffen oder Worten trennen, daß wir sehr oft gut daran täten, anstatt Gedächtnis einfach Sprache zu sagen, anstatt Erinnerungen Worte. Denn so lange eine Erinnerung nicht zu Worte gekommen ist, ist sie auch noch nicht mitteilbar, ist sie noch nicht etwas zwischen den Menschen, gehört sie noch nicht der menschlichen Erkenntnis an. Heft und Klinge sind bei diesem Werkzeug so sehr eins, daß ein Gedächtnis ohne Worte ein Messer ohne Heft ist, dem die Klinge fehlt.

Auf diesem Punkte der Untersuchung muß ich darauf zurückweisen, was vorhin (S. 484 u. f.) über das Verhältnis der Worte und der Assoziationen gesagt worden ist. Assoziationen von Wahrnehmungen sind die Ursache aller Worte oder Begriffe; und Worte oder Begriffe sind unaufhörlich die Ursache neuer Assoziationen. Jetzt werden wir vielleicht erkennen, daß dieser widerspruchsvolle Zustand nur darum möglich ist, weil unsere Sprache gar nichts anderes ist als unser Gedächtnis, weil unser wesenhaft falsches Gedächtnis für eine richtige Welterkenntnis also ebenso ungeeignet sein muß wie unsere Sprache.

Wer mit mir solche Worte bis an den Band des Denkbaren zu denken wagt, der wird nun endlich vielleicht nicht zu hart finden, was ich in den einleitenden Kapiteln gegen die Sprache gesagt habe, gegen die Sprache als Erkenntniswerkzeug. Für das irdische Wirtshaus natürlich, für das Mitteilungsbedürfnis ist sie ja brauchbar, für das Schwatzvergnügen der Wirtshausgäste und für die Zurufe an den Speiseträger. Da kommt man mit der Sprache recht weit. Mit falschen Karten, falschen Beobachtungen und falschen Ziffern kommt Kolumbus bis nach Amerika und hat es entdeckt, weil er es für Indien hielt. Aber Welterkenntnis und die arme Menschensprache! Wesentlich falsch ist unser Gedächtnis, dessen stärkste Erscheinungsform unsere Sprache ist. Wesentlich falsch ist also unsere Sprache. Und wenn wir uns jetzt erinnern, daß auch die Unterlagen unseres Gedächtnisses, die Daten unserer Sinne, wesentlich, ihrem Wesen nach Sinnestäuschungen sind (S. 339), dann hören wir wohl allen Glauben an eine Welterkenntnis krachend lachend zusammenstürzen.

Unsere Zufallssinne geben falsche Bilder der Welt nach ererbten menschlichen Interessen. Wir müssen dazu ein Auge zudrücken, wenn wir mit den Augen sehen wollen. Und wir werden bald sehen, daß unser Gedächtnis oder unsere Sprache gar nicht benützt werden könnte ohne eine ununterbrochene Ausschaltung durch das Vergessen. Könnten wir uns jedoch nur eine kleine Stufe über das Menschliche hinaus erheben, so würden wir wahrscheinlich weiter erkennen, daß unsere Worte weder die Endglieder, noch die Anfangsglieder von Assoziationen sind, daß die Worte vielmehr gleichgültige Stellen in dem ewigen Zirkeltanze der Assoziationen bilden. Das blitzt und flitzt in unserem Hirn zwischen hundert verschiedenartigen Erinnerungen hin und her, unfaßbar, ungenau und unentwirrbar; wir halten uns verzweifelt an die Worte, weil das Gedächtnis der Menschheit in ihnen wenigstens eine provisorische Ordnung des alten Chaos niedergelegt hat.

 

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