Wortbildung


Wir haben bisher gesehen, daß die Eigenschaft des Gedächtnisses, immer nur das dem Vorurteil Entsprechende zu merken, das Ende der jeweiligen Erkenntnis bewirkt. Darum ist jede Besiegung eines Vorurteils auch eine so achtunggebietende Tat, weil sie dem naiven Menschengeiste widerspricht, weil der Entdecker der neuen Beobachtung dazu aus seiner Weltanschauung heraustreten, weil er jedesmal die Grenzen seiner Sprache überspringen muß. Jetzt aber werden wir sehen, daß auch der Anfang der Erkenntnis, die Wortbildung nämlich, auf dieser Eigenschaft des Gedächtnisses beruht, nämlich so, daß nicht etwa bloß dieser Mangel des Gedächtnisses die Wortbildung begleitet, daß er vielmehr die Wortbildung erst möglich macht, daß also die Entstehung der menschlichen Sprache auf der Eigenschaft des Gedächtnisses beruht, die sein Grundfehler ist. Man halte dabei nur fest, was oben (S. 469) über die Ähnlichkeit gesagt worden ist: daß sie überall für die Gleichheit eintritt und sogar schon bei den klassifizierenden Wahrnehmungen der Sinne ihre Rolle spielt. Dasselbe gilt für die Erinnerungen.

Wenn nämlich das Gedächtnis des Menschen nur solche Sinneseindrücke zu einer gemeinsamen Vorstellung verschmelzen könnte, die vollkommen gleich oder identisch sind, so könnte es überhaupt zu keiner Erinnerung, zu keinem Vorstellungsbilde, zu keinem Begriff kommen. Die Geschichte aller Naturwissenschaft gibt Belege dafür, daß die Menschen die Arten der Tiere und Pflanzen immer provisorisch nach ungefähren Ähnlichkeiten unter einem Namen zusammenfaßten, und daß dann die fortschreitende Beobachtung die Begriffe je nach Bedarf entweder einschränkte oder ausdehnte, um sie mit den besseren und neueren Beobachtungen in Übereinstimmung zu bringen. In vorhistorischen Zeiten mögen gar die Menschen — wie die Sprachwissenschaft wenigstens lehrt — z. B. die Bäume mit eßbaren Früchten gemeinsam benannt haben, während Eichenvarietäten, wenn die eine eßbare Früchte trug und die andere nicht, verschieden benannt wurden. Treiben wir die Sache weiter, so kommen wir schließlich dazu, was wir nach der Kritik der Logik genauer sehen werden, daß nämlich jedes Wort nur à peu près ein Ausdruck für gleichartige Dinge ist, daß den unzähligen und unendlich verschiedenen Individuen der Wirklichkeit keine sprachliche Zusammenfassung gegenüber steht. Wir haben Worte gebildet, nicht weil wir ein gutes, sondern weil wir ein schlechtes Gedächtnis besitzen. In der Wirklichkeit gibt es nur Individuen, gibt es keine Arten, keine Ideen, keine substantiellen Formen; in der Sprache gibt es nur Arten, nur Ideen, nur substantielle Formen. In unseren Köpfen ist die Wirklichkeit nur als Naturerklärung, d. h. als Naturbeschreibung vorhanden. Wenn wir die Karte eines Landes mit dem Lande selbst ähnlich finden, so hat das eine Berechtigung, weil wir von der Karte wie vom Lande Sinneseindrücke haben, die einen Vergleichungspunkt darbieten; unsere Naturerklärung aber ist die unsichtbare Karte einer sichtbaren Wirklichkeitswelt, wir können Bild und Original nicht vergleichen. So sehen wir auch hier, daß die Sprache nichts bieten kann als unvergleichbare Bilder, und begreifen schon hier, warum die Entwicklung der Sprache allein auf dem Wege der Metapher vor sich gehen konnte.

Ich verbinde also wieder einmal zwei Anschauungen, welche zu einem unlösbaren Widerspruch führen müssen. Einerseits führe ich alles geistige Leben des Menschen, all sein Denken oder Sprechen, sein Selbstbewußtsein, sein Bewußtsein u. s. w. u. s. w. auf das Gedächtnis zurück als auf die einzige uns noch halbwegs zugängliche und wirklich beobachtete Tätigkeit seines Gehirns, anderseits behaupte ich, daß es dieser Tätigkeit durchaus wesentlich sei, unzuverlässig zu sein, Fehler zu machen, Ungleiches gleich zu setzen. Es ist klar, daß infolgedessen allein schon unsere Gedankenwelt der Wirklichkeitswelt niemals entsprechen kann. Darin liegt aber noch nicht der unlösbare Widerspruch, den ich meine. Denn die Unrichtigkeit unserer Vorstellungswelt ist dann eben eine Tatsache mehr, mit der wir uns abzufinden haben. Nicht das ist so unerträglich, daß unser Gedächtnis lügt, sondern vielmehr das, daß unser Gedächtnis bisher für unseren treuesten Begleiter galt und daß wir nicht mehr wissen, was das Gedächtnis irgend noch sein kann, wenn es nicht treu ist.

Ich maße mir nicht an, zur Lösung dieses entsetzlichen Widerspruchs etwas beitragen zu können; aber ich möchte darauf aufmerksam machen, daß uns ganz genau der gleiche Widerspruch auf einem scheinbar entlegenen Gebiete begegnet.


 © textlog.de 2004 • 14.12.2017 17:53:32 •
Seite zuletzt aktualisiert: 03.07.2005 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright