Sprache Bewegungserinnerung


Es ist einer der Ausgangspunkte dieser Schrift, daß es kein Denken gebe außer dem Sprechen, daß das Denken ein totes Symbol sei für eine angebliche, falsch gesehene Eigenschaft der Sprache: ihre eingebildete (von ihr selbst uns eingebildete) Fähigkeit, die Erkenntnis zu fördern. Ich weiß wohl, daß diese rein negative Behauptung eben auch die Erkenntnis nur negativ fördert; aber es ist endlich Zeit, daß die Menschheit ihre Sprache, d. h. ihr Gedächtnis entfetische, nachdem sie durch ungezählte Jahrtausende Abstraktionen oder Fetische gehäuft, und ihren Müllkasten die Schatzkammer ihres Geistes genannt hat.

Abgesehen von diesem Zerstörungsverdienst — vielleicht hat Herostratos auf der Folter etwas Falsches ausgesagt, vielleicht hat er den Artemistempel von Ephesos aus Freigeisterei angezündet — hat die Annahme, daß es neben dem Sprechen kein besonderes Denken gebe, noch den Vorteil, einige Hauptfragen zu vereinfachen.

Die alte Frage: "Wie können Geist und Körper, Denken und Räumliches aufeinander wirken?" — ist trotz Descartes und Spinoza, trotz unseren Materialisten und ihrer Physiologie noch heute unbeantwortet. Nimmt man eine denkende Seele an, so ist die Schwierigkeit eine doppelte; man weiß nicht, wie die Schallerregung durch einen anderen Menschen (bei Entstehung der Sprache und bei ihrer Neuentstehung in jedem Kinde) bestimmte Gedanken in der Seele wecken könne, und ebensowenig, wie ein Gedanke der Seele die Sprechorgane zu einem verständlichen Schalle innervieren könne. Man müßte geradezu sowohl für die sensiblen wie für die motorischen Nervenbahnen eine Art Dirigenten, einen Umschalter, eine Überseele annehmen, und auch dann wäre das eigentliche Rätsel nur zurückgeschoben. Doch auch die gemeine materialistische Redensart, daß das Gehirn denke, Gedanken fabriziere (wie nach dem Worte Vogts die Niere Harn), bietet die gleiche Doppelschwierigkeit für den gewöhnlichen Gebrauch, aber auch für die Entstehung der Sprache. Denn — abgesehen davon, daß ein Fortschritt der Erkenntnis durch diese Hirnsekretion eine abenteuerliche Vorstellung sein müßte — das Verständnis des Schalls ist ebenso unerklärbar wie die Rückverwandlung des Verstandenen in einen Schall. Hören und Sprechen sind zwei Rätsel, und zwar verschiedene Rätsel.

Nun hätte das Bedürfnis der Vereinfachung längst dazu führen sollen, diese beiden — offenbar reziproken — Rätsel auf eines zurückzuführen, Hören und Sprechen gewissermaßen auf Eine Formel zu bringen.

Etwas Ähnliches — das hätte man bemerken müssen — scheint vorzuliegen, wenn wir einen Gegenstand zugleich sehen und greifen können.

Was ist denn ein "Gegenstand"? Doch immer nur eine (mechanische oder organische) Einheit von bewegten Molekülen oder Molekularbewegungen (unser Wissen hat eben keine klareren Worte, ich muß sie brauchen). Es ist ein unerklärtes Wunder, daß diese Molekularbewegungen sich durch unsere natürlichen Augengläser, dann durch den Sehnerv u. s. w. bis zu einem "Zentrum" fortpflanzen, daß das Zentrum eine Ursache seiner Gereiztheit als "Gegenstand" nach außen projiziert; es ist ein zweites Wunder, daß dasselbe oder ein benachbartes, einverstandenes Zentrum die Beine und Arme nach dem Gegenstande hinbewegt und durch Fingerbewegungen, tastend, dieselben Molekularbewegungen, das ist denselben "Gegenstand", wahrnimmt, den die Augen "gesehen" haben. Das Wunder ist damit nicht erklärt; aber es ist doch schon etwas, zwei Wunder auf ein und dasselbe Bekannte, hier die Bewegung, zurückgeführt zu haben. Freilich wird dadurch die altbekannte Bewegung ihrerseits wieder zum Wunder.



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Seite zuletzt aktualisiert: 03.07.2005