Assoziationsgesetze


Sind nun alle diese Beobachtungen und Begriffserklärungen richtig, ist die Sprache wirklich die Hauptquelle aller Assoziationen, wie umgekehrt die Sprache aus Assoziationen entstand, so erkennen wir auch, warum die Psychologie mit ihren starren Begriffen von Gedächtnis, Ideenassoziation und Sprache alle diese Verhältnisse nicht einmal auszudrücken vermochte. Wir sehen jetzt, daß wir Gedankenassoziationen und Gedächtnistätigkeiten als die gleichen Erscheinungen auffassen müssen, höchstens etwa mit der Unterscheidung, daß Assoziationen ungefähr Erinnerungen im Zustande der Entstehung sind, so wie die neuere Chemie besondere Eigenschaften an aktiven, im Augenblicke der Trennung von anderen Körpern gegen ihre starre Erscheinung veränderten Stoffen nachgewiesen hat. Nur daß die aktiven Assoziationen an den Erinnerungen durch jede Erregung wieder belebt, reaktiviert werden können. Und noch einmal erinnere ich daran, daß solche Erregungen unaufhörlich und nach allen Richtungen sich wiederholen, weil die Erinnerungen an Wortzeichen geknüpft sind, welche durch unzählige Fäden miteinander in Korrespondenz stehen. Behalten wir uns eine Differenzierung im Sprachgebrauche für bestimmte Untersuchungen vor, so können wir dennoch für die Entwicklungsgeschichte des menschlichen Verstandes Gedächtnis, Ideenassoziation und Sprache als identisch setzen. Weil nun die Psychologie diese Gleichung bis zur Stunde nicht vollziehen konnte, darum mußte sie sich auch vergebens mit der Entdeckung vollständiger Assoziationsgesetze abquälen. Freilich war es der Psychologie unmöglich, die Tatsachen des unwillkürlichen Gedankenganges zu übersehen; so konnte sie schon in sehr früher Zeit einige weite Allgemeinheiten wie Ähnlichkeit und Nähe von Zeit und Raum als Assoziationsgesetze aufstellen. Und sie ahnte gar nicht, daß sie dabei einige Entstehungsweisen der Begriffe (ich könnte auch Gesetze der Sprachentstehung sagen) erraten hatte, daß Begriffe wie Apfel, Kernobst, Frucht, Pflanzennahrung, daß andere Begriffe wie Haus, Straße, Berlin, Preußen u. s. w., daß der 23. Juni, das Jahr 1899 u. s. w. genau durch die gleichen Assoziationsgesetze allein entstehen konnten. Zwei Jahrtausende später erst entdeckte man, wie gesagt, daß das Verhältnis von Ursache und Wirkung ebenfalls Assoziationen zu stände bringe, und bemüht sich seitdem um eine systematische Assoziationspsychologie. Diese kann aber keine andere sein als die Psychologie der Sprache selbst. So viele Beziehungen in den Erscheinungen der Wirklichkeitswelt beobachtet worden sind, so viele Beziehungen infolgedessen in Grammatik und Logik der Sprache, d. h. in unseren Vorstellungen von der Wirklichkeitswelt, ihren Ausdruck finden, so viele Beziehungen können Gedankenassoziationen erzeugen. Und weil anderseits unsere Sprache zu arm und zu unwissend ist, um irgendwelche geistigere Beziehungen als die brutalen der Ähnlichkeit und des Gegensatzes oder der Nähe von Zeit und Raum klar auszudrücken, weil in unserer Sprache nur ungefähre Analogien durcheinanderfließen, und der Sinn der Worte, der Wortfolgen und der Satzfolgen sich erst hinterher aus unserer Kenntnis der Wirklichkeitswelt à peu près ergibt, darum erscheinen uns unsere unwillkürlichen Gedankengänge, unsere Ideenassoziationen so unzuverlässig, so leise über unsere Erinnerungen hin tastend. Vor unseren Gedankenassoziationen, die wie ein Mückenschwarm im Sonnenlichte tanzen, erscheint unser stolzes Denken in seiner wahren Gestalt. Die Selbsttäuschung beginnt da, wo wir unsere Aufmerksamkeit auf eine Mücke aus diesem Schwärme richten und in der Hypnose der Aufmerksamkeit etwas zu erkennen glauben, solange wir alles andere Wirkliche übersehen.


 © textlog.de 2004 • 11.12.2017 20:37:02 •
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