Hörbare Sprache


Wir aber haben wieder einen neuen Anhaltspunkt gewonnen für die Beantwortung der Frage, warum unter den Menschen gerade der Gehörsinn zum Werkzeug der Sprache geworden ist. Der Mensch hatte die Wahl — die er natürlich nicht mit Bewußtsein vollzog — zwischen dem Gesichtssinn und dem Gehörsinn; denn der Tastsinn ist wegen der notwendigen Nähe der Dinge und der Ungefügigkeit der meisten Dinge dafür viel zu unbequem. (Die Tastsprache der Ameisen, die von manchen Beobachtern angenommen wird, würde die schnelle Fernwirkung der Verständigung in vielen Fällen nicht erklären ; und der Einfall, daß unsere Ohren für die hohen Töne der lautlichen Ameisensprache nur nicht eingerichtet sind, ist ein bloßer Einf all, der sich auf keine Tatsachen stützen kann. Geber und Empfänger könnte freilich gerade in der Tastsprache in einem Organ vereinigt sein. Auch darum scheint mir die Ansicht, das "Betrillern" der Ameisen sei eine Art Geruchssprache der Fühler, eine ganz phantastische Hypothese zu sein.) Der Gesichtssinn ist bei der Ausbildung der Sprache ganz gewiß mitbeteiligt gewesen. Heute noch ist die Geste bei lebhaften Völkern ein Teil der Sprache, und in irgend einer Urzeit war sie sicherlich dem ersten Schrei gleichwertig. Aber auch die Zeichen des Gesichtssinns, die Bewegungen der Hand z. B., erforderten eine weit größere Anstrengung als das Hervorbringen von Tönen, worin wir es allerdings im Laufe der Entwicklung zu einer solchen Virtuosität gebracht haben, daß wir Tausende und Tausende von Lautzeichen hintereinander ohne merkliche Anstrengung hervorbringen können.

Es war also für das Gedächtnis der Gehörsinn der weitaus bequemste zu Mitteilungszwecken. Die Schwierigkeit lag nur darin, die Eindrücke der übrigen Sinne durch symbolische Lautnachahmungen in Zeichen des Gehörsinns zu übersetzen. Aus Überlegung wäre der Mensch niemals dazu gelangt, diesen entscheidenden Schritt zu tun. Es muß ihm da eine geheime Verbindung des Gehörorgans mit den anderen Sinnen zu Hilfe gekommen sein, eine Verbindung, auf die wir schließen, die aber durch kein Mikroskop aufgezeigt werden kann.


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