Richtung der Assoziationsübung


Aber bei den Gedankenassoziationen liegt der Fall noch einfacher. Es handelt sich bei ihnen durchaus um Gedächtniserscheinungen, fast immer um die Erinnerung und Geläufigkeit von Wortbahnen. Um die Erinnerung an Bahnen; also nicht um Strecken, sondern um Kenntnis der Strecken. Man braucht bloß daran gemahnt zu werden, daß man einen Weg in der einen Richtung recht genau kennen kann, ohne ihn in entgegengesetzter Richtung so leicht zu finden. Wenn ich gewohnt bin (aus Bequemlichkeit gewohnt bin), den Spaziergang von Berlin nach Schlachtensee zu Fuß zu machen, zurück aber jedesmal die Eisenbahn zu benutzen, so werde ich schließlich den Hinweg gedankenlos gehen und ihn selbst bei Nacht finden, werde aber den Rückweg, wenn ich ihn endlich einmal zu Fuß machen will, mühsam suchen müssen. Ebenso sagen wir das Abc vorwärts ganz geläufig auf (wir üben es ja täglich in dieser Richtung beim Nachschlagen alphabetisch geordneter Reihen), stottern aber, wenn wir es rückwärts aufsagen sollen. Es hat ja auch keinen Zweck, es rückwärts zu lernen, sagt man.

Es hat keinen Zweck. Und der Zweck bestimmt nicht allein das absichtliche Lernen, sondern eben erst recht das unabsichtliche Lernen durch die Gewohnheit. Wenn wir eine fremde Sprache lernen, so ist unser Interesse viel häufiger, sie zu verstehen als sie zu sprechen; bei uns anderen wenigstens, die wir mehr lesen als sprechen. Daher bildet sich die Gewohnheit, zum fremden Wort das der Muttersprache zu assoziieren oder gar das Objekt selbst, schneller als die andere Bahngewohnheit, vom deutschen Worte aus oder gar vom Objekt aus das fremde Wort zu assoziieren. Das Interesse also bestimmt die Gewohnheit und diese sodann die Richtungskraft der Assoziation.

Wie untergeordnet das Amt des Bewußtseins oder des bewußten Gedächtnisses dabei ist, kann man daraus ersehen, daß auch die Bahnen der unbewußten Gewohnheiten nicht nach allen Richtungen gleich schnell arbeiten. Ich bin wenigstens so frei zu glauben, daß es mit dem sofortigen Urindrang nach Wassertrinken (während Urinieren keinen Durst erweckt) ganz ähnliche Bewandtnis haben mag, wie mit der Geläufigkeit des Abc nach den zwei Richtungen. Nur daß wir in diesem physiologischen Beispiele wohl das Interesse nicht kennen, das die eine Bahnrichtung vor der anderen geläufiger gemacht hat.

 

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