Ähnlichkeit und Sprache


Die Ähnlichkeit ist entscheidend für uns, wenn sich Vorstellungen in unserem Gedächtnis zu Begriffen verbinden. So wie auch das schärfste Malerauge das Gesicht nicht im Gedächtnis behält, das es nur eine kurze Zeit gesehen hat. so wie also alle Gesichtsvorstellungen Lücken haben, so wie wir beim Anhören eines Vertrags nur ungefähr an unser Ohr schlagen hören, was den Mund des Redners verläßt, so wie wir uns die ungefähren Gehörseindrücke nach ähnlichen Erinnerungen ergänzen (und viel öfter, als wir glauben, falsch ergänzen), so decken sich ähnliche Vorstellungen allmählich unklar zu Begriffen. Wenn wir zahlreiche und recht ähnliche Bilder derselben Blume schließlich als Begriff Anemone zusammenfassen, und wenn wir die unähnlichen anderen Blumen schließlich nach zufälligen oder natürlichen Gesichtspunkten als Begriff Blume zusammenfassen, so ist hier wie dort ganz volkstümlich und unwissenschaftlich die Ähnlichkeit entscheidend. Unsere ganze Klassifikation der Natur, also unsere ganze Sprache ist begründet auf das wechselnde Spiel von Ähnlichkeiten, von denen wir fast niemals wissen, ob sie zufällige oder ererbte Ähnlichkeiten sind. So wenig ein fest umschriebenes Erbrecht sich auf das lustige Spiel von Ähnlichkeiten gründen ließe, wonach dann diejenigen die Erben eines Mannes würden, die ihm nach dem Urteil des Stadtklatsches ähnlich sehen, ebensowenig kann also aus der volkstümlichen Sprache eine richtige Naturanschauung, eine natürliche Entwicklungsgeschichte herausgezogen werden.

Dabei möchte ich aber behaupten, daß diese bloße Ähnlichkeit, d. h. die wissenschaftliche oder mathematische Unvergleichlichkeit der Dinge erst unser Sprechen oder Denken möglich gemacht hat, daß also erst die Lücken unserer Vorstellungen, die Fehler unserer Sinneswerkzeuge unsere Sprache gebildet haben. Es ist also ganz was anderes, wenn ich mit verzweifeltem Lachen alle Ähnlichkeit auf das kranke Wesen der armen Sprache zurückführe, und ganz was anderes, wenn ein Schüler von Wundt (Philos. Stud. V, S. 135) alles Wiedererkennen ein Wiedererkennen durch Namen sein läßt; wie es nicht dasselbige ist, ob ich die Götter bloße Namen nenne oder ob ein Kabbalist mit Hilfe der Götternamen Wunder verrichten will. Würde unser Gehirn von Natur auch nur annähernd so genau arbeiten wie Mikroskope, Präzisionsthermometer, Chronometer und andere menschliche Werkzeuge, würden wir von jedem Einzelding ein so scharfes Bild auffassen und im Gedächtnis behalten, dann wäre die begriffliche Sprache vielleicht unmöglich. Es wäre uns dann einfach versagt, den Begriff Anemone zu bilden; die einzelnen Anemonen wären einander zu unähnlich. Vielleicht sehen Insekten so scharf und können darum im Denken keine Fortschritte machen. Im Ernst, die ganze Begriffsbildung der Sprache wäre nicht möglich, wenn wir nicht unter lauter lückenhaften Bildern umhertappten, eben wegen der Lückenhaftigkeit die Ähnlichkeit überschätzten und so aus der Not eine Tugend machten. Je weniger wir von etwas wissen, desto leichter werden wir von Ähnlichkeiten "frappiert". Wir können, wenn wir nicht Fachleute sind, gleichfarbige Pferde oder Schafe kaum unterscheiden; wir halten Individuen eines asiatischen oder afrikanischen Volksstammes untereinander für weit ähnlicher als uns. Alle Neger, alle Chinesen sind — für uns — einander zum Verwechseln ähnlich, gleich. Der Germane findet alle Juden einander ähnlich. Darum ist es für den Zeichner so leicht, das typische Bild eines Chinesen, eines Negers — für uns — zu schaffen. Eines Engländers, eines Deutschen für den Franzosen. Ich habe sogar einmal die Wirkung von Wissen und Unwissenheit an meinem Hunde Wolf beobachtet. Wolf betritt mit mir einen Raum, in dem lebensgroße plastische Bilder einer Katze und eines Hundes aufgestellt waren. Wolf knurrt die Katze an; weil er sie weniger kennt, läßt er sich täuschen, verwechselt Bild und Natur, sie sind ihm gleich; den Hund kennt er besser, er läßt sich nicht täuschen. So gebrauchen wir überhaupt Ähnlichkeitsbilder oder Worte umso leichter, je unwissender wir sind. So ist also die menschliche Sprache eine Folge davon, daß die menschlichen Sinne nicht scharf sind. Es ist nicht der einzige Fall, wo gerade die Lücken oder Löcher in unserem Wissen ihm dienlich sind; besäße die schützende Haut keine Poren, so wäre sie dem Organismus tödlich. Ein geübter Leser wird zu seinem Behagen von Druckfehlern nicht gestört, weil sein Auge die Zeilen nur à peu près überfliegt und das Gehirn sich die Lücken nach ungefähren Ähnlichkeiten ergänzt; der Korrektor wird umsoweniger auf den Inhalt achten, als er die Druckfehler sieht.  


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