Assoziationssphären


Wer nicht die Notwendigkeit, d. h. Bedingtheit alles Geschehens vor dem Denken will Halt machen lassen, der wird nicht leugnen, daß das menschliche Denken, namentlich das unbewußte oder bewußte Sinnen, Ersinnen, Nachdenken und Grübeln durchaus abhängig ist von den scheinbar frei aufsteigenden Assoziationen der Vorstellungen oder Begriffe. (Das erste für die Dichter näher, das zweite für die Denker.) Nun hat die Psychologie einige Gesetze für die Assoziationen von Vorstellungen ermittelt; Gesetze, welche leider an das einzige Gesetz der Nürnberger erinnern, die keinen hängen, sie hätten ihn denn vor. Der menschliche Wissensdrang will immer seine Gesetzmäßigkeit an Stelle der erkannten Notwendigkeit setzen.

Aber eines ist bisher vergessen worden, daß die Anfangsvorstellung beim begrifflichen Denken fast immer von einem Worte ausgeht, oder sich um des lieben Friedens willen rasch in ein Wort wandelt, daß dieses Wort einer bestimmten Sprache angehört und daß das Spiel der Assoziationen nun im Rahmen dieser individuellen Sprache zu Ende geführt werden muß. Es gibt fast kein Wort im Französischen, welches genau die gleiche Assoziationssphäre (ein glückliches Wort Liebmanns) hätte, wie das entsprechende deutsche Wort. Man denke an die Assoziationssphäre von empereur, an die von Kaiser, amour und Liebe, monde und Welt, ville und Stadt. Jedes Wörterbuch ist eine Sammlung von Beispielen. Ebenso rufen die Worte in den verschiedenen Dialekten derselben Sprache verschiedene Assoziationen hervor. "Berg" und "Schiff" sind für den Norddeutschen Anfangsglieder anderer Gedankenketten als für den Süddeutschen, schon dem Dialekt nach. Und da schließlich jede Stadt, darin jeder Stand, da wieder jede Familie und in der Familie jeder einzelne seine individuelle Sprache hat, so bewegt sich das Denken keines Menschen genau in den Bahnen irgend eines anderen Menschen. Äußerlich läßt es sich dann à peu près über einen Leisten schlagen; genau stimmt es so wenig wie Übersetzung und Original.

Wollte ich mich "systematisch" auf früher Gesagtes berufen, so könnte ich die Subjektivität alles höheren, begrifflichen, wertvolleren Denkens einfach genug "beweisen". Wir haben ja gesehen, daß es Sprache an sich nicht gibt, daß es nur Individualsprachen gibt. Da nun das begriffliche Denken seine Assoziationen stets an Worte bindet, also an die Worte der Individualsprache des Denkenden, so muß der Assoziationsverlauf in potenzierter Weise individuell sein, subjektiv. Aber die Assoziationen, welche allem Denken das Material liefern, sind nicht immer begrifflicher Art, werden uns nicht immer als Sprache bewußt, sind nicht immer apperzeptive Assoziationen. Es wäre also möglich, daß wir die Assoziationen in objektive und in subjektive einzuteilen hätten. Das leise Lachen, das mir die Wortzusammenstellung "objektive Assoziationen" sofort erweckt, bin ich außer stände, dem Leser assoziativ mitzuteilen, wenn nicht eine ähnliche Seelensituation bei ihm sofort ein ähnliches leises Lachen auslöst.


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