Tyndalls Versuch


Ein überaus frappantes Beispiel zur Lehre von den spezifischen Sinnesenergien bietet ein Experiment, das ganz unglaublich wäre, hätte es nicht die Autorität Tyndaiis für sich. Man kann die unsichtbaren Wärmestrahlen so gut wie die sichtbaren Strahlen durch eine Linse sammeln. In ihrem Brennpunkte erzeugen nun diese Strahlen eine solche Hitze, daß eine Platinascheibe dort sofort rotglühend wird. Bringt man jedoch das menschliche Auge an Stelle der Platinascheibe, so widerfährt dem Auge kein fühlbarer Schaden. Es entstand bei den Versuchen keine Lichtempfindung, und der Sehnerv hatte die Wärme natürlich nicht empfunden. Nichts scheint mir besser zu beweisen, daß auch die Wärmeempfindungen ihre besonderen Sinnesorgane haben, daß wir für die Wahrnehmung der Wärme einen besonderen Sinn annehmen und mit einem Namen auszeichnen müssen. Tyndall warnt ("Die Wärme", 4. Aufl., S. 544) vor der Wiederholung dieses Versuchs, bei dem gewiß — wenn nicht Schnelligkeit schützte — der ganze Inhalt des Augapfels von Wellen verbrannt würde, auf die nur die Retina nicht abgestimmt ist, um sie zu empfangen. Gehen wir aber auf das Ding-an-sich zurück, welches wir je nach der Einrichtung unserer Sinne als Wärme oder als Licht empfinden, so erkennen wir, wie menschlich diese Differenzierung ist, wie wenig sie der Wirklichkeitswelt entsprechen mag. Der Physiker, welcher die Wärmegrade bequem mit den Ziffern der Thermometerskala bezeichnet, hat ein unbewußtes Interesse daran, diese Wärmestrahlen zur Hauptsache zu machen; und weil ihm die Kurve, welche er bei Untersuchung des Spektrums und der ultraroten Gegend erhält, nur einen kleinen Hügel von Farben, aber einen mächtigen Berg von Wärme zeigt, so neigt er dazu, die Lichtstrahlen als ein unbedeutendes Anhängsel zu den unsichtbaren Wärniestrahlen aufzufassen. Die Umgangssprache jedoch, welche auch heute noch von allen diesen Experimenten nichts weiß, stellt dem kleinen Anhängsel von Lichtstrahlen eine hundertfach größere Zahl von Worten, Begriffen und Gefühlen zur Verfügung als dem Berge von Wärmestrahlen. Nun hat die neuere Psychologie es als ausgemacht angenommen, was Locke bereits mit großer Bestimmtheit ausgesprochen hatte, daß nämlich in den Körpern das Bewegung sei, was unserer Empfindung als Wärme erscheint. Das Experiment Tyndalls setzt uns in Erstaunen, weil da eine stürmische Molekularbewegung, welche Platina zum Rotglühen bringt, das so unendlich "empfindlichere" menschliche Auge gar nichts angeht. Wir sagen zur Erklärung: es seien die Organe des Temperatursinns im Auge und auf der Netzhaut nicht vorhanden. Verwunderlich bleibt die Sache für uns dennoch. Und erinnert uns an eine andere Wunderlichkeit. Tast- und Temperatursinn sind für unsere bisherige Forschung an das gleiche Sensorium gebunden: den Hautsinn. Ist es nun nicht sonderbar, daß die Haut (ohne ein so fein gearbeitetes Organ wie Auge oder Ohr) die unausdenkbar feinen Vibrationen der Körperlichkeit (die Tänze der Moleküle) empfinden gelernt hat, das Präzisionsinstrument des Ohrs aber nur die grobschlächtigen Stöße der Luft? Und ist der Hautsinn nicht auch noch empfindlicher als das Auge? Die verblüffenden Versuche Tyndaiis (er weist nach, daß unsichtbare Wellen bei einer Verstärkung um das 30,000,000,000-fache vom Gesicht noch nicht wahrgenommen werden) werden von ihm für die Erkenntnistheorie nicht glücklich gedeutet. Es will mir scheinen, als ob das Wunder der spezifischen Sinnesenergien weniger wunderbar würde, wenn gerade nach diesen Versuchen sich ein stärkerer Unterschied zwischen Licht- und Wärmewellen herausstellte, als man bisher annahm. Die Sprache für die Theorie der Sinnesorgane ist noch nicht gefunden. Ob man die verschiedenen Sinne als verschiedene Siebe auffaßt oder ihre spezifischen Energien als Konsonanzen: es ist alles metaphorisch ausgedrückt. Und vor den neuesten Entdeckungen — daß nämlich Licht- und Elektrizitätswellen identisch sind und wir dennoch nur die eine Erscheinung wahrnehmen — steht die wissenschaftliche Sprache stumm, hat nicht einmal eine arme metaphorische Erklärung.

Ich weiß nicht, ob diese Beziehung auf sogenannte höhere Geistestätigkeiten meine Meinung nicht verwirrt hat. Ich wollte Beispiele geben, nicht Bilder. Wenn die wirkliche Wirklichkeitswelt durch die beiden Faktoren, spezifische Sinnesenergien und Wellenschwingungen, begreiflich gemacht würde, so müßten die Schwingungen das Ding-an-sich hinter den Erscheinungen sein. Und das ist, wie vorhin bemerkt, ein Gelächter, weil die Schwingungen entweder selbst Sinneseindrücke oder Metaphern von Sinneseindrücken sind. Das erwähnte Experiment scheint mir von erschütternder Beweiskraft dafür, daß die Hypothese von den Stößen der Wellenschwingungen einer besseren Hypothese wird Platz machen müssen. Aber die Menschen werden mit ihrer materialistischen Sprache materialistisch bleiben, bis eines Tages ein vorläufig unvorstellbares Experiment ihnen die Körperlichkeit als so unwahrnehmbar zeigen wird, wie in unserem Versuche die Gluthitze unwahrnehmbar für das Auge ist. Solange ein fallender Eisenhammer von hundert Zentnern nicht durch irgend eine wissenschaftliche List für unseren Tastsinn wirkungslos gemacht ist, solange wird die Menschheit materialistisch bleiben. Die Molekulartänze sind nicht im stände, die Körperlichkeit aus der Welt zu schaffen; denn die Körperlichkeit ist immer noch die widerspruchslosere Hypothese. Und noch ein Beispiel: man achte darauf, wie man vor Lavoisier, wie auch der wahrhaft große Newton, vom Feuer als von einem Körper redete; ich sehe eine Zeit voraus, wo andere Körper werden als Erscheinungen gedeutet werden wie das Feuer seit Lavoisier.

 

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Seite zuletzt aktualisiert: 02.07.2005