Revolutionen


Tritt die Hyperästhesie in einer Zeit epidemisch auf, so kommt es zu Revolutionen in Kultur und Sitte, also in der Sprache. Vor neunzehn Jahrhunderten begannen die Menschen Empfindungen zu verstehen und Worte zu bilden für das Gemeinsame zwischen allen Menschen; das Christentum wurde. Vor fünfhundert Jahren empfand man zuerst das Gemeinsame zwischen Mensch und Natur; die Renaissance wurde. Vor einhundertfünfzig Jahren lernte die Selbstbeobachtung Empfindungen für die eigene Seele und fand Worte dafür. Und heute — was die Hyperästhesie von heute neu empfindet und neu bezeichnet, das wissen wir so wenig zu sagen, als man vor eintausendneunhundert Jahren wußte, daß das Christentum, vor fünfhundert Jahren, daß die Naturanschauung der Renaissance, vor 150 Jahren, daß die Sentimentalität entstand. Es wird wohl auf etwas wie Befreiung des Individuums von der Geschichte, auf Befreiung des Subjekts hinauslaufen, auf einen Individualismus oder Subjektivismus unhistorischer Art.

Vor einhundertfünfzig Jahren hat kein Geringerer als Kant die Hyperästhesie als Quelle des Zeitgeistes erkannt, wenigstens in einem besonders ausgezeichneten Falle. Der Ältervater unseres deutschen Sturmes und Dranges (abgesehen von der Wirkung des ebenfalls nervenkranken Rousseau) war unser lieber Hamann. Und von Hamann sagt Kant: "Die Krankheiten seiner Leidenschaften geben ihm eine Stärke zu denken und zu empfinden, wie sie ein Gesunder nicht besitzt." Und Hamann, der erste und stärkste Metakritiker der reinen Vernunft, mochte das selbst fühlen, da er einmal (1783) an Herder schrieb: "Mein armer Kopf ist gegen Kants ein zerbrochener Topf — Ton gegen Eisen."


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