Beschränkung der einzelnen Sinne


Wir besitzen fünf oder vielmehr sechs Sinne. Durch Vergleichung ihrer Mitteilungen untereinander gelangen wir zu der Einsicht, daß jedes einzelne von den Sinnesorganen nur einen beschränkten Teil des Gebietes wahrnimmt, welches wir durch dieses Sinnesorgan zu beherrschen glauben. Die Tatsache ist am auffallendsten beim Gehörsinn, aber auch für andere Sinne nachgewiesen.

Ein C von sechzehneinhalb Schwingungen etwa bildet die unterste Grenze der Wahrnehmung für das menschliche Ohr. Die Musik umfaßt von diesem tiefsten Ton an sieben Oktaven. Das menschliche Gehör umfaßt darüber hinaus noch drei, im ganzen etwa zehn Oktaven; es geht von sechzehneinhalb bis etwa zu sechzehneinhalbtausend Schwingungen. Es ist aber offenbar, und es ist sogar sichtbar zu machen, daß es Vibrationen von geringeren und von höheren Schwingungszahlen gibt. Man könnte diese Vibrationen (analog den unsichtbaren Strahlen des Sonnenlichts) unhörbare Töne nennen; diese unsinnige Bezeichnung würde auch sofort, wie die analoge es in der Optik tut, den Wortaberglauben der Menschen verraten. Weil der Mechanismus unseres Ohrs uns die subjektive Empfindung von Tönen vermittelt und weil unser Auge die "objektive" Ursache dieser Töne als Schwingungsbewegungen erkannt zu haben glaubt, so möchten wir gar zu gern auch diejenigen Schwingungen, die die subjektive Empfindung der Töne nicht erzeugen, Töne nennen. Weil unser Auge oder vielmehr der entsprechende Teil des Gehirns bestimmte Vibrationen einer anderen Art als Farben empfindet, darum sind wir geneigt, die benachbarten Vibrationen dieser anderen Art ebenfalls mit optischen Worten zu bezeichnen. Wir möchten gar zu gern corriger la fortune unserer Zufallssinne, in unserer Sprache nämlich.

Bringen wir also einen elastischen Gegenstand, z. B. die Luft, dergestalt in Schwingungen, daß die Schwingungszahl in der Sekunde von einmal bis zu hunderttausendmal steigt, 80 werden wir anfangs gar nichts hören, dann nacheinander sämtliche Töne vom niedrigsten bis zum höchsten; nachher werden wir wieder nichts hören. Die Schwingungen unter und über der Grenze der Hörbarkeit können wir nur durch das Gesicht oder durch den Tastsinn wahrnehmen.

Das Gesicht umfaßt bekanntlich auf dem Gebiete, das es zu beherrschen scheint, ebenfalls nur einen kleinen Ausschnitt. Nach der geltenden Hypothese sind es Ätherschwingungen von ungeheurer und unvorstellbarer Schwingungszahl welche im Auge oder vielmehr im Gehirn die subjektive Erscheinung von Licht und Farben hervorrufen. Eine Farbe. in welcher sich die Farben aller dieser optisch wirksamen Vibrationen mischen, nennen wir weiß. Durch das Prisma kann man diese angenommenen Vibrationen nach ihrer Schwingungsdauer hintereinander ordnen und hat nun, ebenso wie in der Musik, ein Farbenband von unendlich vielen Tönen vor sich, von rot bis violett, welches Band aber für ästhetische Zwecke längst — wann? von welchem Volke zuerst? — in etwa sieben Gruppen zerlegt worden ist. Die Strahlen, welche man überrote und überviolette nennt, werden nicht sichtbar. Sie lassen sich aber durch Wirkungen auf das Thermometer und auf die photographische Platte indirekt durch List sichtbar machen. Wir können diese Erscheinung so ausdrücken, daß irgend ein relativ zufälliger Umstand die Aufmerksamkeit der Organismen just auf diese Schwingungszahlen gerichtet hat, daß diese Aufmerksamkeit das Sinnesorgan des Gesichts zur Folge gehabt hat (ähnlich wie beim Gehör) und daß die Wirkung dieser Art von Vibrationen sich in unserer Sprache als Farbenempfindung differenzierte. Die Einübung unserer Zufallssinne auf die Unterscheidung dieser Vibrationen ist so instinktmäßig stark, unsere Sinne sind so sehr nichts als eben die Einübung auf bestimmte Vibrationsarten (Energien), daß wir uns einen Organismus ohne solche Einübung gar nicht ausdenken können. Wie wir uns unser Leben ohne Lungenatmung nicht denken können. Und doch hat (nach der Entwicklungslehre) die Lungenatmung einmal ihren Anfang gehabt; hat ihren Anfang bei jedem Kinde nach der Geburt.

Diese Auffassung des Gesichtssinns, seit Kant erkenntnistheoretisch vorstellbar und gegenwärtig die allgemeine Vorstellung der Optik, wird nun für unseren Gedankengang weit fruchtbarer, seitdem auch die Wärmeempfindungen auf die gleiche Quelle zurückgeführt worden sind. Man nimmt jetzt an, daß jeder Lichtstrahl zugleich ein Wärmestrahl sei; auch die Wärmestrahlen werden von ebenen und konkaven Spiegeln zurückgeworfen, auch Wärmestrahlen werden durch das Prisma gebrochen. Genauere Berechnungen sollen dargetan haben, daß es ein Irrtum war, diejenigen Strahlen, die den unsichtbaren ultraroten entsprechen, für die wärmsten zu halten; man hat die durch stärkere Brechbarkeit erfolgte stärkere Zerstreuung der helleren Strahlen in Ansatz gebracht und so gezeigt, daß die hellsten Strahlen auch die wärmsten sind.

Nun bedenke man zweierlei: erstens daß durch die Untersuchungen von Hertz wiederum eine gewisse Identität zwischen Licht und Elektrizität nachgewiesen worden ist, zweitens daß wir für Wärmeempfindungen kein so differenziertes, ich möchte sagen mathematisches Instrument besitzen wie für Lichtempfindungen. Dazu erinnere man sich, wie dieselbe Vibration einer Darmsaite, die unserem Tastsinn als ein Schwirren, unserem Gesichtssinn als eine elastische Bewegung erscheint, allein für unseren Gehörsinn als eine von diesen Empfindungen durchaus verschiedene, durchaus nicht vergleichbare differenzierte Empfindung, als Ton erscheint; daß wir langsame Vibrationen, die wir noch nicht hören, doch sehr deutlich tasten und sehen, daß wir sehr schnelle Vibrationen. die wir nicht mehr hören, immer noch tasten.

Die lichterzeugenden Vibrationen, welche man gegenwärtig mit unvorstellbar großen Schwingungszahlen am unvorstellbaren Ätherstoff haftend denkt, und welche man mit Wärme erzeugenden und mit Elektrizität erzeugenden Strahlen mehr und mehr identifiziert, müßten nun ebenfalls auf dreierlei Art wahrnehmbar sein, wenn die menschlichen Sinne der Wirklichkeitswelt entsprächen und wenn — wie die Skepsis hinzufügen muß — diese Vibrationen in der Wirklichkeitswelt vorhanden wären. Diese letzte Bemerkung ist aber nur eine sprachliche Nebenfrage. Immerhin ist herausgebracht worden, daß Licht, Wärme und Elektrizität nur verschiedene Erscheinungen des gleichen Ding-an-sich sind und nur je nach dem Tore, welches sie passieren müssen, verschiedene Wirkungen bei uns hervorrufen. Da ist es nun doch höchst beachtenswert, daß wir für diejenigen Schwingungszahlen der Molekularbewegungen, welche zwischen der äußersten Kälte und der Rotglühhitze liegen, keine Gesichtsempfindung haben, wohl aber eine modifizierte, wenn auch nur grob modifizierte Wärmeempfindung. Wie wir aus der Schwingungsreihe der tönenden Körper nur den verhältnismäßig kurzen Ausschnitt zwischen sechzehn und sechzehntausend Schwingungen hören können, so können wir aus der ganz anderen Reihe der hohen Schwingungszahlen der leuchtenden Körper (die aber doch unter anderen Umständen auch tönen können) nur den kurzen Ausschnitt sehen, der zwischen rot und violett liegt. Kein Geringerer als Newton hat sich durch diese vielleicht nur zufällige Ähnlichkeit bestimmen lassen, auch die Farbenskala in sieben Oktaven einzuteilen.


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