Lessing und Sprachkritik


Ich habe es mir nicht versagen können, diese sehr merkwürdige Berührung meines Begriffs "Zufallssinne" mit einer Lessingschen Idee mitzuteilen, trotzdem ich mir wohl bewußt bin, wie ungleich die beiden Vorstellungen sind. Der Begriff der Zufallssinne ist nichts weiter als der vorläufige Ausdruck für die trübe Gewißheit, daß unsere Sinne sich entwickelt haben, allmählich entstanden sind und zufällig entstanden sind, daß also ganz sicher Kräfte in der Wirklichkeitswelt wirken, die niemals Sinneseindrücke bei uns hervorrufen können, und daß darum — weil nichts im Denken sein kann, was nicht vorher in den Sinnen war — unser Denken schon deshalb allein niemals auch nur zu einem ähnlichen Bilde von der Wirklichkeitswelt gelangen kann. Der Begriff der Zufallssinne ist der vorläufig letzte Ausdruck der Resignation. Lessing dagegen konnte sich zu seiner Zeit eine Entwicklung der einzelnen Sinnesorgane (etwa vom Pigmentfleck zum menschlichen Auge) selbstverständlich gar nicht vorstellen, glaubte jedoch an eine unbegrenzte Vervollkommnung des menschlichen Verstands auf dem Wege einer Entwicklung der Sinne zu neuen Sinnen. Gemeinsam ist den beiden Ideen nur die Überzeugung, daß es da draußen Kräfte gibt, die zu uns nicht hinein können, weil wir für sie keine Tore haben.

Lessing wurde durch einen solchen Glauben an den unbegrenzten geistigen Fortschritt der Menschheit (er ist nirgends schöner ausgedrückt als in seiner "Erziehung des Menschengeschlechts") Schritt für Schritt, wie schon erwähnt, zum Glauben an eine Seelenwanderung geführt. Das Psychologische an diesem Gedankengang, ich meine die individuelle Nötigung zu einer solchen Überzeugung, erinnert sehr an Goethes im Alter geäußerte Meinung: seine Seele müsse unsterblich sein. Beide Männer drückten durch diesen Optimismus eine Freude an ihrem geistigen Leben, das Bewußtsein einer Ungeheuern Kraft aus, einer Kraft, die sie den Tod überwinden ließ, — so lange sie lebten.

Lessing hat sich zu seiner "Erziehung des Menschengeschlechts" niemals bekannt. Vielleicht wollte er die göttliche Vorsehung, ohne welche die Auffassung des Alten Testaments als ersten, die des Neuen als zweiten Evangeliums und die Hoffnung auf ein ewiges Evangelium, auf das dritte Zeitalter, auf das dritte Reich des Ibsenschen Julianus, sich nicht durchführen ließ, nicht dogmatikôs anerkennen, trotzdem er sie gymnastikôs bemüht hatte. Vielleicht aber gar — die Abgründe und Grenzen von Lessings Denken sind schwer zu bestimmen — war ihm selbst die Seelenwanderung mehr eine Waffe gegen das zweite Elementarbuch als eine Überzeugung. Die Vorstellung jedoch, daß "unsere gegenwärtigen fünf Sinne" eine Zufälligkeit seien, muß in ihm sehr lebhaft gewesen sein. Wir erkennen das aus einem Worte, welches gerade in dem Gespräche mit Jacobi gefallen ist, in jenem Gespräche, das uns oben zur Orientierung über Lessings philosophischen Ausgangspunkt diente. Ein Wort übrigens, welches im Jahre 1780 in solchem Zusammenhang kaum von einem anderen lebenden Menschen als von Lessing gesprochen werden konnte, sicherlich nicht erfunden werden von Fritz Jacobi.

Lessing macht sich über Jacobi lustig, der den freien Willen nicht entbehren kann. Lessing leugnet (im Zeitalter des Rationalismus!) den Primat des Denkens. "Es gehört zu den menschlichen Vorurteilen, daß wir den Gedanken als das Erste und Vornehmste betrachten und aus ihm alles herleiten wollen, da doch alles, die Vorstellungen mit einbegriffen, von höheren Prinzipien abhängt. Ausdehnung, Bewegung, Gedanke (bei dieser Trias mag Jacobi Lessings Rede geändert haben; "Bewegung" steht an falscher Stelle) sind offenbar in einer höheren Kraft gegründet, die noch lange nicht damit erschöpft ist." Jacobi ist über dieses Bild ganz entsetzt und ruft aus: "Sie gehen weiter als Spinoza! Diesem galt Einsicht über alles." Worauf Lessing ruhig antwortet: "Für den Menschen."

Lessing kann dabei unmöglich an Gott und die lieben Englein gedacht haben; denn diesen wird ja eben höhere Einsicht zugesprochen, auf welche es nach dem Lessing dieser Gesprächsstunde gar nicht ankommt. Ich habe eben einige Sätze fortgelassen, weil sie in der Niederschrift Jacobis nicht Lessingsche Prägnanz besitzen. Der Sinn ist offenbar: die höhere Kraft, die durch ihre beiden Attribute der Ausdehnung und des Denkens noch lange nicht erschöpft ist, muß unendlich bedeutender sein als diese oder jene Wirkung auf den Menschen; und so kann es auch eine Art der Welterkenntnis, der Wahrnehmungsfreude (bei Jacobi steht: "Art des Genusses") für sie geben, die nicht allein alle Begriffe übersteigt, sondern völlig außer dem Begriffe liegt, das heißt für uns: außer dem Bereiche der Sprache. Und nun antwortet Lessing auf den entsetzten Ruf, daß der Primat der Einsicht oder dem Denken gebühre: "für den Menschen", das soll doch wohl heißen: für den Menschen mit seinen gegenwärtigen fünf Sinnen....

So kann Lessings verblüffender Einfall, "daß mehr als fünf Sinne für den Menschen sein können" (den noch Erich Schmidt trotz einer vortrefflichen Darstellung des Spinozastreites als eine bloße Bizarrerie behandelt), mit seinen erkenntnistheoretischen Überzeugungen in Verbindung gebracht werden, und wenn nicht als Vorahnung so doch al-Vorstufe des Entwicklungsgedankens und einer Sprachkritik betrachtet. Lessing sah keine Schwierigkeit, die beseelten Monaden von Leibniz und Spinozas hen kai pan miteinander zu verbinden. Wir dürfen ihm darum zutrauen, daß er in jenem Gespräch von 1780 sich zu Spinoza bekannte und zugleich dem Leibniz treu blieb, wie er dessen esoterische Lehre zu verstehen glaubte.

Jacobi hatte von allen diesen Tiefen kaum eine Ahnung in seinem Denken. Er, den Gott, nach Goethes Scherzwort, mit der Metaphysik gestraft hatte, bekümmerte sich bei all diesen Dingen eigentlich nur um das Seelenheil. Spinoza war ihm — wie gesagt — nur der höfliche Atheist.


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