Kant


Aber Kant hätte nur einen Schritt weiter zu gehen brauchen, um das Wesen der Zufallssinne zu entdecken. Der Name Kants ist ja geknüpft an die heute noch ungefähr gültige Lehre von der Entwicklung unseres Planetensystems, mit welcher jede mechanische Darstellung einer Entwicklungslehre beginnt. Es wäre Kants würdig gewesen, die Ideen seines Gegenkritikers Herder zu vertiefen und den Gedanken einer allmählichen Entwicklung des menschlichen Verstandes zu fassen. Rühmt er sich doch einmal (in der Vorrede zur zweiten Bearbeitung der Vernunftkritik), daß er mit der Aufstellung eines unerkennbaren Dings-an-sich, mit der Lehre, die Welt sei ein Geschöpf des Verstandes und seiner Anschauungsund Denkformen, die Menschheit ebenso auf sich selbst gestellt habe wie es Kopernikus durch die wahre Lehre vom Zentrum des Sonnensystems tat. In der astronomischen Weltanschauung war Kant über Kopernikus und Newton hinausgegangen und hatte (wie nachher Laplace einer Anregung Buffons folgend) eine Entwicklung der Erde gelehrt. Es scheint uns heute fast eine architektonische Forderung, daß Kant, als er das Zentrum der Wirklichkeitswelt aus der Welt hinaus verlegte, nämlich in den menschlichen Verstand, er nun auch diesen Verstand sich entwickeln ließ, wie es jetzt, seit Spencer, die gemeine Vorstellung geworden ist. Daß Kant diesen Schritt nicht unternahm, vielleicht auf Grund seiner Vorstellung von Zeit und Raum nicht unternehmen konnte, ist nur mit der Einseitigkeit des Genies zu erklären. Denn indem er die Wirklichkeitswelt für ein unerkennbares Ding-an-sich erklärte, unsere Anschauungs- und Denkformen zu einer reinen Verstandesarbeit machte, ging er noch weit über eine Entwicklungslehre des Verstandes hinaus, ohne jedoch die Lehre selbst zu erfassen.

Ich wiederhole das Bild, das ich vorhin gebraucht habe. Daß die Wirklichkeit und der menschliche Geist zueinander stimmen, ist ein Rätsel, über welches nicht zu erstaunen schwer ist. Aber die Antwort, die der Bauer gibt, und die Antwort, die ein Kant gibt, stehen für einen höheren Gesichtspunkt auf gleicher Ebene. Der Handschuh paßt auf die Hand, sagt der Bauer und meint, eine höhere Intelligenz habe den Handschuh ausgesucht, habe ihn angepaßt, wie es die Handschuhmacherin tut. Die Hand paßt in den Handschuh hinein, würde ein konsequenter Platoniker sagen, weil die Hand nur die Materialisation des Handschuhs ist. Kant ist noch feiner und scharfsinniger; auch er meint eigentlich, es passe die Hand in den Handschuh, weil wir gar nicht wissen, ob der Handschuh mit einer lebendigen Hand oder mit Wolle ausgestopft sei; vielleicht ist die Größe des Handschuhs auch für das Wachstum der Hand entscheidend; genug: für unsere Vorstellung paßt schließlich doch der Handschuh auf die Hand. Hätte Kant sein Hauptwerk ausdrücklich "Kritik der menschlichen Vernunft" genannt (und er hätte dann von selbst das Adjektiv "rein" fortgelassen), so hätte ihm der Gedanke aufblitzen müssen, daß: so wie unsere Kenntnis von der Welt am Verstände, das heißt mit Hilfe des Verstandes geworden und gewachsen sei, so anderseits der Verstand an der Welt geworden und gewachsen sei. Und wenn mich nicht alles trügt, so lag dann der Zusatz nahe: die Tore unseres Verstandes waren nicht immer dieselben, die Entwicklung des Verstandes ist eine Folge der Entwicklung unserer Sinne; Verstand ist überhaupt nur eine Abstraktion für die Komplexität unserer Sinneseindrücke, es ist nichts im Verstande, was nicht vorher in unseren sich entwickelnden Sinnen war, und die Entwicklung dieser Sinne ist ein Werk der Wirklichkeitswelt, die Sinne sind Zufallssinne. Die Tore unseres Verstandes, die Sinne, an denen jedes Ding als Wahrnehmung seinen Namen wie bei einem Torschreiber abzugeben hat, sind Breschen, welche die Wirklichkeitswelt in unser Innenleben hineingeschlagen und im Laufe der Entwicklung der Menschheit oder der Organismen erweitert hat, wenn anders wir einen Augenblick vergessen können, daß die Organismen bei der Entwicklung der Sinne nicht bloß passiv, sondern zu gleicher Zeit aktiv gewesen sein müssen. Wenn anders wir vergessen können, daß wir dem Darwinismus (dem echten, nicht dem deutschen Zerrbilde) gern den Begriff der Entwicklung und der zufälligen Entwicklung entnehmen, daß aber der Zweckbegriff noch einmal eine radikale Revision des Darwinismus nötig machen wird. Freilich hätte Kant seine Kardinalfrage, ob synthetische Urteile a priori möglich seien, mit einem Nein beantworten müssen. Dazu aber hätte Kant mehr Vorurteilslosigkeit besitzen müssen, als er besaß. Er stellte aber dem sensualistischen Satze: "Es ist nichts im Intellekt, was nicht vorher in den Sinnen gewesen wäre", triumphierend mit Leibniz den Nachsatz entgegen "nur nicht der Intellekt selbst". Daß der Intellekt empirisch zu begreifen sei, das war ihm noch klar; daß der Intellekt aber empirisch, das heißt durch Erfahrung erst geworden sei, das ging noch über Kants Kraft. Locke, gegen welchen Leibniz sich wandte, hatte das Bild gebraucht, es sei der Verstand ein weißes Blatt, auf welches die Welt durch die Erfahrung ihre Zeichen mache. Kant war sicherlich geneigt, die Sache so aufzufassen, daß die Zeichen auf dem Papier mit irgend einer sympathetischen Tinte vorher aufgemalt seien und durch die Welt erst sichtbar würden. Die gegenwärtige Weltanschauung, die des Darwinismus etwa, würde nun in dem Papier etwas erblicken wie das präparierte Papier, auf welchem die Photographen ihre Bilder aufnehmen. Wir haben, wenn wir die christliche Scholastik als die Vorgeschichte der Lockeschen Psychologie mit hinzudenken, da die drei Irrtümer der Menschheit hintereinander: die theologische Teleologie, den Okkasionalismus und die Entwicklungslehre, wobei uns Kaut als ein verfeinerter Okkasionalist, die Entwicklungslehre als eine verfeinerte Teleologie erscheint. Ich meine, daß erst der Begriff der Zufallssinne die Entwicklungslehre zwar leider nicht vollendet, wohl aber endlich unter die Sprachkritik bringt.


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