Entwicklung der Sinne


Auch das ist jetzt nahezu Gemeingut der Denker und Forscher, daß die einzelnen Sinne sich zu ihrer gegenwärtigen Schärfe "entwickelt" haben. Der verblüffende Einfall des Demokrit, es seien alle Sinne nur Modifikationen des Tastsinnes, ist von der nachkantischen Physiologie zum Range eines wissenschaftlichen Satzes beinahe erhoben worden. Die Entwicklungslehre hat gezeigt, daß das für unsere Sinne (und wenn sie noch so listig verfeinert wären) gleichmäßige Protoplasma der niedersten Tiere alle Funktionen ausübt, die sich beim Menschen einerseits in Atmung, Ernährung, Fortpflanzung, anderseits in die Sinne und das Zentralnervensystem differenzieren. Es scheint mir übrigens, daß wir nicht gut umhin können, diese undifferenzierte aktive und passive Beschaffenheit des Protoplasma auch beim Menschen wirksam zu denken, dort nämlich, wo unsere Augen und das Mikroskop uns im Stiche lassen, wo z. B. die Nerven die Muskeln berühren oder die sensiblen und motorischen Nerven unsichtbar miteinander verbunden sind. Es scheint mir sogar, daß ich diese biologische Bemerkung nur in halbem Ernste gemacht habe. Denn Protoplasma, undifferenziertes Protoplasma und alle seine Begriffsverwandten sind doch nur Asyle der Ignoranz. Wortasyle, wie die "monistische Psychologie" mit ihrem "Psychoplasma". Nach dem bekannten Scherzvers der lateinischen Grammatik könnte man das "undifferenzierte" Protoplasma, das uns noch beschäftigen wird, auch "neutral" nennen.

In die Sprache unserer Sprachkritik übersetzt führen diese Ergebnisse zu einem sehr merkwürdigen Einblick in den Wert unserer Begriffe oder Worte. Wir wissen, daß die substantivischen Worte nicht nur dann Abstraktionen, sind, wenn sie Personifikationen wie Gerechtigkeit und Gewissen, wenn sie Schatten oder Schatten von Schatten bezeichnen, sondern daß auch konkrete Substantiva subjektive Hypothesen unseres Intellekts sind, daß wir die mögliche Ursache unserer Empfindungen, daß wir die Möglichkeiten überhaupt als Körper oder Dinge in den Raum hineinprojizieren, daß die durch konkrete Substantiva ausgedrückten Dinge keine objektive Wirklichkeit haben. Wir wissen ferner, daß Verba Beziehungen dieser Dinge untereinander oder Beziehungen dieser Dinge auf uns bezeichnen, daß also Verba erst recht nur Symbole von wirklichem Geschehen und Sein, von wirklichen Veränderungen sein können (vgl. III. 55—102.) Nun aberhaben wir erfahren, daß auch die Eigenschaften der Dinge oder die uns höchst objektiv erscheinenden Wirkungen auf unsere Sinnesorgane nur Täuschungen sind, normale Täuschungen allerdings, daß also auch die Adjektive nichts Objektives bezeichnen, nicht einmal etwas unveränderlich Subjektives, sondern daß unsere Augen und Ohren, während die Organismen sich entwickelt haben, aus lichtempfindenden Flecken und tonempfindenden Körnchen immer leistungsfähigere optische und akustische Instrumente geworden sind, die dann im Laufe der Jahrtausende dem Intellekt immer reicheren Stoff zu seinen Schlüssen, in diesem Falle Empfindungswerten, geliefert haben. Alles fließt. Die Welt wird durch unsere werdenden Sinne; zugleich werden die Sinne durch die werdende Welt. Wo soll da ein ruhiges Weltbild entstehen?


 © textlog.de 2004 • 19.10.2017 23:59:46 •
Seite zuletzt aktualisiert: 01.07.2005 
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