Subjekt und Objekt


Es ist dieses Aufsuchen einer greifbaren Vorstellung für den Seelenbegriff wie ein Fliegen im Traum, wie ein Klettern in die leere Luft hinauf; ein geträumtes Klettern ohne Sprossen, ohne Stützpunkt. Es kann nicht ein und dasselbe zugleich Subjekt und Objekt sein. Wir finden die Seele, wir finden die Harmonie der Sinne nirgends, weder die Seele erster, noch die zweiter, noch die dritter Ordnung. Was wir durch die sogenannte Selbstbeobachtung in Subjekt und Objekt zerfallen, das ist doch nur der ewige Gegensatz zwischen Innenwelt und Außenwelt. Bewußt sind wir uns — wenn das Wort überhaupt einen Sinn hat — nur unserer Innenwelt, das heißt seelischer Einzelvorgänge, der Erlebnisse. Unser Hang, nach Ursachen zu fragen, läßt uns ein Wort für die Ursache der Einzelvorgänge verlangen, und diese Ursache, die wir, weil wir für sie keinen Stützpunkt haben, für etwas noch Geistigeres, noch Abstrakteres, noch Höheres halten, ist doch nur, genau besehen, der Drang nach etwas Körperlichem, nach einer Seelensubstanz. Wir zerfallen unser Innenleben in Vorgestelltes und Vorstellendes und bemerken dabei gar nicht, daß das Vorstellende am Ende aller Enden Substanz wird: die Seelensubstanz.

Wir können also unser Innenleben gar nicht wieder in ein Subjekt und Objekt zerfallen. Nur die Eigenheit unserer Sinne bringt es zuwege, daß wir, indem wir uns der Außenwelt anpassen, sie als ein Objekt von unserer Innenwelt, dem Subjekt, trennen, wobei es dann die große metaphysische oder sprachkritische Hauptfrage ist, ob die Außenwelt oder die Innenwelt das eigentlich Wirkliche sei. Wäre die Innen welt das eigentlich Wirkliche, dann könnte der Seelenbegriff insofern doch eine Bedeutung haben, als wir uns dann das Ding-an-sich als etwas Geistiges, Seelisches vorzustellen hätten.

Es ist demnach, was freilich nicht erst zu beweisen war, die Frage nach dem Seelenbegriff abhängig davon, ob wir uns auf die Bank der Sensualisten oder auf die Bank der Spiritualisten setzen; die Bank der Spötter ist ja so unbequem und verrufen, daß die beiden endlos langen Bänke des Sensualismus und Spiritualismus nach zwei Jahrtausenden immer noch Gäste für den Platz und Platz für die Gäste haben. Worum gestritten wird, das ist der bekannte Satz: es ist nichts im Intellekt, was nicht vorher in den Sinnen gewesen ist. Wäre jeder ein Materialist, das heißt ein Fetischgläubiger des Wortes Materie, der diesen Satz für unbedingt wahr hält, so wäre auch diese Sprachkritik zu ihrem eigenen Entsetzen materialistisch. Zu ihrem eigenen Entsetzen: denn den Wortaberglauben will sie vernichten, und sie wäre bankrott, wenn sie auf einen der rohesten Wortaberglauben hinausliefe.

Jener Satz ist aber nicht wertvoller als andere Sätze oder Wortfolgen. Er dünkt uns eben nur lehrhaft, und darum können wir erst recht vermuten, daß er auf eine Tautologie hinauslaufen wird.


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