Schlaf


Nicht nur die begriffliche Vernunft, nicht nur der praktische Verstand, nicht nur die bewußten Willensäußerungen, selbst die unklarsten Gefühle sind in der Seele nur, wenn sie vorher in den Sinnen gewesen sind. Man braucht sich nur zu erinnern, daß es außer den Nerven, welche von äußeren Organen ausgehend, die sogenannten fünf Sinne im Gehirn bedienen, noch andere Nervenkomplexe gibt, welche das Herz und die Blutgefäße, den Magen und die Eingeweide und die Lungen bedienen und welche mitunter wirre, mitunter entzifferbare Mitteilungen ins Gehirn senden. Es ist nicht daran zu zweifeln, daß der Seelenzustand "Furcht" zuerst in diesem inneren Sinne sehr körperlich war, bevor er ein uns wohl erinnerliches Gefühl wurde und als solches in das Denken oder die Sprache überging. Ich gehe noch weiter und vermute, daß rein biologische Zustände ebenfalls durch den Satz gedeckt werden können: es ist nichts im Leben, was nicht vorher in der Einzelerfahrung war. Ich möchte dafür den Schlaf als Beispiel aufstellen. Es ist mir wenigstens eine ganz mögliche Vorstellung, daß der Schlaf der lebenden Wesen dadurch entstanden oder vielmehr zu einer Einrichtung geworden sei, daß im Uranfang der Organismen sich irgend ein Urtier jedesmal schaudernd in sich selbst zusammenzog, ohnmächtig, bewußtlos wurde, wenn am Abend die Lebenspenderin Sonne verschwand, Dunkelheit und Kälte hereinbrach und die Welt unterzugehen schien. Wobei nicht übersehen werden darf, daß das "Entstehen des Schlafes" schon eine Vorstellung, eine Frage des bewußten, des wachen Menschen ist. Eigentlich könnte man mit dem gleichen Rechte, mit besserem Rechte wie nach den Ursachen des Schlafes forschen nach den Ursachen des Wachens. Denn der ältere Zustand der Organismen ist sicherlich der des Schlafes. Wie die Pflanze, wie das Kind im Mutterleibe die längste Zeit ihres Daseins verschlafen. Ich hätte also sagen müssen, daß das Urtier . . . wieder bewußtlos wurde.


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Seite zuletzt aktualisiert: 01.07.2005 
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