Wärme


Ich will das durch das Beispiel der Wärmeschwingungen deutlicher machen. Was ist Wärme? Dem Sprachgebrauch nach bald eine Kraft (einerlei woher sie kommt), bald eine Empfindung unseres Leibes. Die exakte mechanische Wärmetheorie hat nichts daran geändert, daß "Wärme" bald eine Wärmeempfindung bezeichnet, bald ihre angenommene Ursache, bald also etwas Subjektives, bald etwas Objektives. So war es zur Zeit des Wärmestoffs, so ist es noch in den Tagen der Wärmeenergie. Von der Kraft wissen wir nichts, wir kennen nur ihre Erscheinungen. Es ist eine Erscheinung der Wärme, daß sie die Körper ausdehnt; es ist eine andere Erscheinung der Wärme, daß sie wie das Licht "Strahlen" aussendet; es ist eine dritte Erscheinung der Wärme, daß sie im lebendigen Organismus eine gewisse Empfindung erregt, die wir in unserer armen Sprache wieder nur Wärme nennen. Denken wir uns nun, unser Organismus wollte auf Wärmeeindrücke nicht so lebhaft reagieren, wie er es tut. Wüßten wir dann noch irgend etwas von der Wärme auf der Welt? Würden wir die Ausdehnung der Körper auf Wärme zurückführen? Schwerlich. Wir hätten ja kein Interesse an dieser Art von Schwingungen, unsere wissenschaftliche List wäre durch kein Interesse angeregt worden, und die Wärme existierte nicht für uns, weil wir zufällig keinen Wärmesinn hätten. So wurden auch die Erscheinungen der Elektrizität, abgeseher von den Spielereien mit Bernstein und anderen Harzen, bis vor kurzem nicht beobachtet, weil wir keinen Elektrizitätssinn haben. Daß wir unsere Empfmdungsfähigkeit für Wärme in der Gemeinsprache nicht Wärmesinn nennen, sondern ihn mit dem sogenannten Tastsinn verwirren, rührt wieder vor. dem anderen Zufall her, daß für unseren Gesichtssinn (selbst mit der Hilfe des listigen Mikroskops) ein besonderes und ausgezeichnetes Organ für die Wärme nicht nachweisbar ist. Ein anderer Zufall hat es gewollt, daß die Gruppe der Tonschwingungen sich in die musikalischen Töne, die Gruppe der Lichtschwingungen sich in die Farben ordnen, während die Wärme für uns nur rohe Stärkegrade hat, aber nicht Artunterschiede wie Töne und Farben. Es ist darum nicht nur möglich, sondern meines Erachtens auch vorstellbar, daß andere Tiere wieder andere Zufallssinne haben, in denen z. B. die Wärmestrahlen in Artunterschiede auseinandergehen, während die Lichtstrahlen etwa nur nach Stärkegraden unterschieden werden. Die irdische Tierwelt mag dabei, wenn der Entwicklungsgedanke recht hat, irgendwie nur für Töne, Wärme und Licht empfänglich sein; es wären aber Organismen denkbar, die wieder für Schwingungsreihen zwischen Ton und Licht empfänglich wären, welche z. B. weder den Schlag des Hammers auf das Eisen hörten, noch das Rotglühen des Eisens sähen, dafür aber irgend etwas empfänden, wofür wir leblos sind wie der Blinde für das Licht.


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