Erlebnisse


Wollen wir den psychischen Vorgang ohne jede metaphysische Voreingenommenheit, ohne jede Personifikation beschreiben, so müssen wir so allgemeine Ausdrücke gebrauchen, daß auch wieder die Beschreibung darunter leidet. Eigentlich ist "Erlebnis" so ein allgemeinster, tautologischer Ausdruck. (Wir werden noch erfahren, daß alle Urteile eigentlich tautologisch sind; und in Hinsicht auf die in ihnen versteckten Urteile kann man selbst die Begriffe tautologisch nennen, besonders die weitesten Begriffe.) Was irgend lebt, erlebt irgend etwas. Alle Erlebnisse der organischen Individuen gehen der Reflexion (ich gebrauche das Wort in seinem zweideutigen Sinne) voraus. Sind sie darum einfach? Haben wir sie verstanden, weil wir sie aus unserem geistigen Leben herausdestilliert haben? Weil wir sie bei den niedersten Organismen voraussetzen? Kennen wir das Leben, mit seinem Erleben, besser als das Seelenleben, weil das Leben nach dem Sprachgebrauche noch weiter verbreitet ist als das Seelenleben? Das Leben und Erleben geht uns nur näher an, weil wir uns, jeder für sich, für dieses Leben so lebhaft interessieren. Eigentlich aber ist das Leben eine Erscheinung wie die Elektrizität gewisser und die Schwere aller Körper. Die Ursache der Schwere kennen wir nicht, nicht einmal von einem besonderen Organ für diese Erscheinung wissen wir etwas; dennoch personifizieren wir die Ursache der Erscheinung in dem Worte Schwerkraft. Ebenso personifizieren wir die elektrischen Erscheinungen in dem Worte Elektrizität. In dem fallenden Steine, im elektrischen Drahte kann kein Mikroskop irgend etwas entdecken, was von dem gleichmäßigen Stoff differenziert wäre, was mit irgend einem Rechte zur Seele der Erscheinungen gemacht werden könnte. Noch weniger etwas, was wir analog zu Elementen des unorganischen Seelenlebens, zu Empfindungen oder Wollungen machen möchten. In den organisierten Dingen, insbesondere im menschlichen Leibe liegt es nahe, ein bestimmtes Organ für die Ursache der Erscheinung, das heißt des Lebens zu erklären. Man wird für die Ursache des psychischen Lebens natürlich denjenigen Bezirk halten, an dessen Wirksamkeit die Lebenserscheinungen dauernd geknüpft sind. Ein Bauer kann so den Kolben für die Seele der Lokomotive halten, wie man durch Jahrhunderte die Seele des Menschen im Herzen gesucht hat. Der aufmerksamere Bauer wird das Kohlenfeuer für die Seele der Lokomotive halten. Seitdem aber mit Sicherheit entdeckt worden war, daß alle Erscheinungen des Empfindens, des Denkens und des Wollens an das Gehirn gebunden sind, wurde man einig darüber, das Gehirn für den Sitz der Seele oder für die Seele selbst zu halten, was nicht ganz logisch ist, wenn man unter Seele den Ausdruck für die Ursache des psychischen Lebens verstehen will. Man sieht: das Wort Seele ist die Antwort auf eine Frage, deren Sinn dem Frager nicht klar ist. Bald versteht man unter Seele die geheimnisvolle Ursache der Lebenserscheinungen, bald das Organ des Denkens, also das Organ einer ganz besonders unbekannten Lebenserscheinung.


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