Metagrammatik


Anderseits werden wir uns sofort darauf besinnen, daß die Erkenntnistheorie seit Locke und Kant immer deutlicher begriffen hat, es sei unser Wissen von der Wirklichkeitswelt subjektiver Natur. Wollten wir die Gedanken Kants den grammatischen Begriffen dienstbar machen, so könnten wir ganz gut sagen, wir haben nur das Bewußtsein von Sinneseindrücken; die Ursachen dieser Sinneseindrücke erkennen wir nicht unmittelbar, kennen wir eigentlich gar nicht. Wir wissen nur etwas von der Erscheinung der Welt; das Ding-an-sich, das als ihre Ursache hinter den Erscheinungen steckt, kennen wir nicht. Das Ding-an-sich aber, das hinter den Erscheinungen, das hinter den Sinneseindrücken steckt, ist ja gar nichts anderes als unser den Schuljungen so wohlbekanntes, dem letzten Denken so unbekanntes Substantiv. Wissen wir nun schon durchaus nichts von dem Substantiv, von der Ursache unserer Sinneseindrücke, so können wir natürlich womöglich noch weniger wissen von dem ursächlichen Verhältnisse zweier Dinge aufeinander, zweier Substantive aufeinander, von dem ursächlichen Verhältnisse, das in der Wirklichkeitswelt Veränderung oder Tätigkeit, in der sprachlichen Welt aber Verbum heißt. Ich wiederhole, die Erkenntnistheorie lehrt uns seit hundert Jahren nichts anderes, als was wir eben durch sprachliche Untersuchungen gewonnen haben, daß nämlich wir anstatt der Dinge nur ihre Erscheinungen kennen, daß es also in der Wirklichkeitswelt kein Substantiv gibt, daß es also in der von uns wahrgenommenen Wirklichkeitswelt noch weniger ein Wirken der Dinge aufeinander, ein Wirken der Substantive aufeinander geben kann. Dinge und Wirken, Substantive und Verbum hat der menschliche Verstand aus der Tatsache seiner Sinneseindrücke gefolgert, aus den Erscheinungen, die er in einem unwiderstehlichen Bedürfnisse nach Ursächlichkeit in seinem Kopfe zu Eigenschaften, Adjektiven von Unbekannten, gemacht hat. Ich bin mir bewußt (bei aller schmerzlichen Einsicht in die Mängel meiner Darstellung), einen Hinweis von reichster Fruchtbarkeit zu geben, wenn ich gleich hier, noch vor der näheren Begründung im dritten Bande, die Wahrheit ausspreche: Nur Kennzeichen, nur adjektivisch zu bezeichnende Empfindungen entsprechen unseren Sinnen, sind natürlich; Substantive und Verben entsprechen der menschlichen Vernunft, sind menschlich. Und höchst merkwürdig: Das Substantiv entspricht ebenso genau dem allgemein anerkannten Ursachbegriff (der causa efficiens), wie das Verbum dem allgemein preisgegebenen Zweckbegriff (der causa finalis) entspricht. Ich kenne kein gefährlicheres Lachen als das, das nach einem solchen Gedanken die menschliche Vernunft vor ihrem Spiegel anschlägt.

Das ist die überaus wichtige Parallele zwischen der Sprachkritik und der Kritik der reinen Vernunft. Da für uns Vernunft nichts anderes ist als Sprache, so hätten wir im voraus wissen müssen, daß die Kritik der einen wie der anderen zu dem gleichen Ergebnisse führen würde. Dennoch ist es eine fast freudige Überraschung, daß Sprachforscher, die kaum etwas von Kant wissen, historisch auf den gleichen Weg geführt worden sind. Wer aber die letzten Konsequenzen solcher Anschauungen zu ziehen bereit ist, wird hier erkennen, wohin die historische Schulung unserer Zeit führen muß, wenn sie nicht in alexandrinischem Kleinkram stecken bleiben will.

Darwin hat den Begriff der Entwicklung auf das Bestehen der organischen Arten angewendet, und die Frommen sind darüber erschrocken, wie sie früher über den Gedanken an eine historische Entstehung unseres Planetensystems erschrocken sind. Rée und nach ihm Nietzsche haben den Begriff der Entwicklung historisch auf die moralischen Anschauungen angewendet, auf das Gewissen, und alle gewissenhaften Menschen haben sich darüber entsetzt. Die Sprachkritik will die Kategorien der Sprache, also des Denkens historisch betrachten. Da hätte das Denken Ursache, sich über seinen eigenen Bankerott, über die Notwendigkeit seines Selbstmords zu entsetzen. Denn ganz unabhängig von erkenntnistheoretischen Rücksichten ist die Forschung nach dem Ursprung der Sprache dazu gelangt, das Verbum mitsamt dem Substantiv als eine spätere, aus dein Eigenschaftsbegriff sich entwickelnde Sprachkategorie anzusehen.


 © textlog.de 2004 • 23.03.2017 15:10:49 •
Seite zuletzt aktualisiert: 30.06.2005 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright