Sigwart


Sigwart und seine Schüler haben schon lange eingesehen, daß der Kausalbegriff, der sonst die ganze Welt der Wissenschaften beherrscht, mit dem sogenannten Parallelismus nicht zu verbinden ist. Sigwart sagt selbst (Logik II. 518): "die Annahme von Kausalbeziehungen zwischen Vorgängen im Bewußtsein und äußeren Veränderungen ist durch die allgemeinen Voraussetzungen der empirischen Forschung gerechtfertigt, und die Theorie des psychophysischen Parallelismus ist weder durch den Begriff der Kausalität oder durch das Prinzip der Erhaltung der Energie gefordert, noch läßt sie sich ihrer Konsequenzen wegen durchführen." Daran ist durch die allzu logischen Ausführungen von H. Rickert und L. Busse nicht viel geändert worden. Nur darf man freilich, will man es mit der neuesten Fassung des alten Kausalitätsgesetzes, will man es mit der Erhaltung der Energie ernst nehmen, nicht die hohlen Worte Leib und Seele einander gegenüber stellen, sondern muß es wagen, jede einzelne Wirkung individuell so anzusehen, als ob die Begriffe Leib und Seele nicht existierten. Daß nichts im Wege steht, die Erhaltung der Energie (prinzipiell, denn von empirischen Beobachtungen kann keine Rede sein) auch auf das geistige Gebiet anzuwenden, das Geistige als eine Energieform für sich anzusehen, die in Beträge von physischer Energie umgesetzt und die aus ihnen wieder zurückgewonnen werden kann, hat schon Stumpf in seiner wertvollen Eröffnungsrede zum 3. Psychologenkongreß (S. 9) ausgeführt. Seltsamerweise hat sich gerade Kurd Laßwitz, der zugleich ein Schüler Fechners und ein Schüler des Kritizismus sein möchte, gegen diese Ausdehnung des Energiebegriffe erklärt. "Daß das menschliche Gehirn nicht ein Apparat ist, in welchem räumliche Bewegung der Molekeln, oder, um noch allgemeiner zu sprechen, physische Energie sich in Empfindung und Gefühl verwandelt, das sieht man schon daraus, daß diese Energie nicht als solche verschwindet, sondern im physiologischen Prozeß, in den chemischen Umwandlungen des Organismus erhalten bleibt." (Wirklichkeiten, S. 115.) Woher weiß Laßwitz so bestimmt, daß physische Energie sich nicht in Empfindung verwandelt? Der Vorgang ist freilich niemals gesehen worden und dennoch halte ich es für möglich, ihn so weit zu beschreiben, als die Mittel der Sprache es gestatten.  


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