rechts und links


Es gibt gar kein besseres Mittel, die Hilflosigkeit der Sprache und die Kopflosigkeit der dogmatischen Philosophien nachzuweisen, als die Beobachtung, daß der schärfste menschliche Geist über die Begriffe oben und unten, hinten und vorn, rechts und links nicht mehr weiß, als etwa die Raupe, die von ihrem abgefressenen Blatt hinweg ein neues sucht und mit dem freistehenden Vorderleib den Raum abtastet. Praktisch geht das tiefsinnige Koordinatensystem auch durch den Kopf der Raupe, und theoretisch ist Kant auch nicht weiter gekommen. Kein Unteroffizier kann dem Rekruten begrifflich sagen, was rechts und links ist, und kein Philosophieprofessor seinem Studenten. Kant (und nach ihm Schopenhauer) hat darauf hingewiesen, daß der Unterschied zwischen dem rechten und dem linken Handschuh nur durch Anschauung (eigentlich nur durch Vergleichung mit den Händen) begriffen werden könne.

Es ist kaum zu glauben, aber selbst der geistreiche und tiefsinnige Otto Liebmann (Zur Analysis der Wirklichkeit, II. Auflage, S. 46) glaubt rechts und links folgendermaßen erklären zu dürfen: "In der Breitendimension heißt, wenn man sich auf unserer nördlichen Hemisphäre nach dem Mittagspunkt der Sonne hinwendet, die Richtung nach Sonnenaufgang links, die nach Sonnenuntergang rechts." Eine nützliche Regel! Da der Beobachter um die Mittagszeit die Sonne nicht auf- und nicht niedergehen sieht, des Morgens und Abends wieder nicht ihren Mittagspunkt, so braucht er einen ganzen Tag (im Sommer bis achtzehn Stunden), um zu erfahren, was rechts und links ist. Und ich habe es immer anders gehört: Wenn man sich auf unserer nördlichen Hemisphäre nach dem Mittagspunkt der Sonne hinwendet, so hat man zur Linken Osten und zur Rechten Westen. Denn immerhin wissen wir ja doch, wo rechts und links ist, früher und sicherer, als wo Osten und Westen ist. Nur begrifflich wissen wir es nicht; und begrifflich scheint mir Liebmanns Definition eben auch nicht zu sein.

Wenn ich so lachend die Frage nach dem Sitz der Seele abweise, so verlasse ich die Absicht dieses Kapitels nicht, das überall nur sprachlichen Schutt beiseite schaffen möchte. Die Kinderfrage enthielt zwei Begriffe: die Frage nach dem "Sitz" wollte die Lage im Räume kennen von einem bestenfalls immateriellen, raumlosen Wesen; der Inhaber des Sitzes sollte die "Seele" sein, die wir schon als ein Wort achten gelernt haben.

 

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Seite zuletzt aktualisiert: 30.06.2005 
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