Seele nur ein Wort


Diese Einsicht in die rein sprachlichen Schwierigkeiten des Seelenbegriffs sollte uns der Pflicht entheben, auf die bis heute fortwuchernden scholastischen Streitigkeiten über Seelenfragen einzugehen. Wenn "Seele" nur ein Wort ist, so wird wohl der Sitz der Seele der Sitz dieses Wortes sein, insoweit jedes Wort mit seinen mitzudenkenden Begriffen (ohne welche es assoziationslos wäre) einen bestimmten Sitz z. B. in einem bestimmten Ganglion haben kann. Wenn das nämlich richtig ist.

Und nicht einmal dieser scherzhafte Versuch, eine Residenz des Wortes "Seele" anstatt der der Seele selbst zu setzen, ist ausdenkbar, wenn Wundt (Völkerpsychologie I. 496 f.) mit seiner Kritik der Meynertschen und Munkschen Arbeiten über Gehirnlokalisationen recht hat. Es wird nämlich von den genannten Forschern und von ihren popularisierenden Schülern gelehrt, die Großhirnrinde besitze in ihren Ganglien wirklich etwas wie räumliche Zellen, in deren jeder eine Vorstellung deponiert sei: nach Bezirken geordnet Gesichts- und Gehörserinnerungen u. s. w.; in einem bestimmten Bezirke befinde sich die Gruppe von Zellen für Wort Vorstellungen. Es gebe da besetzte und offene, leere Zellen. "Wie wenig diese Spekulationen im ganzen als bloß vorläufige Hilfsannahmen gemeint waren, ging deutlich genug daraus hervor, daß man ernstlich die Frage erwog, ob die in der Hirnrinde zu zählenden Pyramidalzellen wirklich für die Bedürfnisse der menschlichen Intelligenz ausreichten." Wollte man nun auch nicht die Zweifel anderer Physiologen gelten lassen, die in den Ganglien nur Ernährer der Nerven und nicht Träger psychischer Funktionen sehen wollen (in allen diesen Untersuchungen sollten die Fragezeichen häufiger sein), so müßte man doch Wundt beistimmen, der in der Annahme, ein Erinnerungsbild werde in einer Zelle "deponiert", die gleiche Naivetät erblickt, die einst auch die Sinneseindrücke des Gesichts und Gehörs aus Bildchen erklärte, die von außen durch die Organe in die Seele wandern. "Daß das Retinabild und die Klangwirkung im äußeren Ohr nicht Gegenstände sind, die von außen in uns hineinwandern, sondern vergängliche und veränderliche Funktionen der Organe selbst, das weiß die Physiologie nachgerade — das Gehirn ist ihr immer noch unbekannt genug, um sich nach wie vor die abgelösten Bildchen in den Hirnzellen eingewandert und abgelagert zu denken." Der sprachliche Ausdruck ist mangelhaft, doch der Sinn ist klar: auch die einzelnen Wortvorstellungen, geschweige denn die wirklichen Worte oder Wortbewegungen haben im Gehirn keine bestimmten Sitze. Wo sollen wir also die Seele suchen, die nur ein Wort ist? Müssen wir sie überall suchen? Weil sie ein so vornehmes Wort ist? Nach der Residenz eines Königs fragen wir mit Recht. In einer Monarchie. Wenn wir etwas von ihm wollen. Nach der Residenz des Alpenkönigs fragen wir nicht.

Wenn Seele nur ein Wort ist, so brauchen wir ebensowenig wie über ihre Residenz über ihre Machtbefugnisse nachzudenken; denn nur eine personifizierte Macht, welche die Ursache der einzelnen Seelenäußerungen wäre, hätte eine bestimmte Wohnung oder Residenz nötig; ist aber diese persönliche Macht nichts weiter als unser Gefühl von einer gewissen Einheit, von einem Zusammenhange der seelischen Äußerungen, so läuft die Frage nach der Machtstellung der Seele auf die nach unserem Bewußtsein oder dem Ichgefühl oder dem Gedächtnis hinaus. Mit der schikanösen Frage, ob die Seele als reales Wesen dem Stoffwechsel unterworfen sei oder nicht, wollen wir den Seelengläubigen schon gar nicht kommen; denn wenn die Seele ein Wort ist, ist sie eben nur als die Einübung der Nerven auf dieses Wort etwas Reales, und diese Einübung ist wie jedes andere Wort ganz sicherlich nicht unabhängig vom Stoffwechsel.


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