Geschichte des Seelenbegriffs


Wenn wir aus den Vorstellungen der sogenannten Wilden auf die Weltanschauung der vorhistorischen Zeit schließen dürfen, so dachte man sich auch bei den ältesten Griechen das Verhältnis zwischen Seele und Leib so, daß beide Körper waren, die Seele jedoch ein feinerer, ein dünnerer Körper. Geist war etwa so viel wie Gespenst. Unter diesem Gespenst stellte man sich, wie heute noch, gern einen Schatten vor, das heißt ein Ding, das die wichtigsten körperlichen Eigenschaften nicht besaß, aber trotzdem ein Körper war. Denn damals wußte man ja noch nicht, daß der Lichtschatten eine negative Erscheinung ist. Oder man benannte die menschliche Seele nach dem Atem (Psyche, Pneuma, Anima, Spiritus, duse, ruach), und wenn man den menschlichen Atem auch nicht chemisch analysiert hatte, so sah man in ihm doch eine Art Luft, also einen Körpur. Alle Versuche, das deutsche Wort "Seele" etymologisch mit einem materiellen Begriffe zu verbinden, sind als verfehlt anzusehen; aber eine materielle Vorstellung liegt dem vielfältigen Gebrauche des Wortes immer zu Grunde. Nicht ohne Humor ist es vielleicht, daß das ältere "Herz" im bildlichen Sinne das allerfesteste innerste Stück eines Gebildes bezeichnet (Herz im Krautkopf), daß aber das jüngere "Seele", weil ihr Organ immer unsichtbarer wurde, schließlich das allerhohlste innere Stück bezeichnen mußte (so in: Seele der Kanone, Seele der Rakete). Es ist wohl ursprünglich ein Scherz gewesen, daß der Bäcker (dem Volke stets ein Urbild des Wucherers) seine Seele ins Brot gebacken habe, die Hohlräume der Ware mit bezahlen lasse; nachher wurden Sprichwörter daraus. Ich sehe in der "Seele" des Brotes, d. h. der Stelle, wo für das Auge nichts ist, und in der "Seele" des Bäckers, die für den Wucher in der Hölle leidet, die gleiche grobe Sachvorstellung. (An eine ältere Bedeutung, Seele = Luft, ist — so verlockend es wäre — nicht zu denken; es gibt keinen etymologischen Weg dahin; alle diese Metaphern sind neu und finden sich als âme d'un canon, d'une fusee volante, de la plume, auch im Französischen.)

Auf diesem Standpunkte der Naturwissenschaft ist die Seelentheorie der älteren Griechen von Bain richtig ein doppelter Materialismus genannt worden. Die Sehnsucht nach dem Glauben an eine Unsterblichkeit der menschlichen Seele war wohl immer vorhanden; unkörperlich vermochte sich aber niemand die Fortdauer zu denken.

Man täuscht sich, wenn man glaubt, Platon habe diesen doppelten Materiaüsmus überwunden. Er unterscheidet drei Seelen, welche man bequem die Bauchseele (für Ernährung u. s. w.), die Brustseele (für Mut u. s. w.) und die Kopfseele nennen kann. Die Kopfseele war ihm die oberste, die denkende, unsterbliche Seele; aber auch sie war materiell. Gab es für ihn eine rein geistige Idee der Seele, so hatte das mit den einzelnen Seelenindividuen nichts zu tun; immaterielle Ideen waren ja als "Mütter" auch für die Baumindividuen, die Tierindividuen ebenso gut wie für die Seelenindividuen vorhanden.

Ungefähr an Stelle der Ideen setzte Aristoteles die logischen Kategorien der Form (im Gegensatze zum Stoff) und die Wirklichkeit oder Wirksamkeit (im Gegensatze zur Möglichkeit). Seine verworrene Definition der Seele ist für den späteren Spiritualismus sehr wohl verwendbar gewesen, weil sie aus entsetzlich abstrakten Begriffen besteht, und weil Aristoteles mit fast astrologischen Phantasien den Stoff der Seele dem der Sterne gleichstellt, die er für höhere Geister hält. Läßt man sich von den logischen Hilfskonstruktionen nicht blenden, so erkennt man bald die Unvorstellbarkeit all dieser Rederei. Wie so häufig bei Aristoteles ist das Gerüst haltbarer gewesen als der Bau. Fast zweitausend Jahre lang hat man auch in der Psychologie die hölzernen Gerüste des Aristoteles für Kunstwerke gehalten.


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