Parallelismus ein bloßes Wort


Nach meiner Meinung sind alle solche noch so wissenschaftlichen Sätze Wortmachereien. Wenn der Spiritualismus sagt, es gebrauche der Geist den Körper als sein Instrument. so antwortet der Materialismus: es habe sich der Körper den Geist zum feinsten Instrumente ausgebildet. Nach meiner Meinung muß man den Gegensatz von Seele und Leib, von Geist und Körper in seinen Schlupfwinkeln aufsuchen, um auch in dieser Frage die Macht des Wortaberglaubens zu erkennen. In der Sprache nur gibt es diese zwei Worte, Geist und Körper, in der wirklichen Wirklichkeitswelt ist das eine vom anderen nicht zu trennen. Aber ist das bloß bei den Erscheinungen des Denkens so? Trennen wir nicht immer und überall in unserer Sprache die Erscheinungen von ihrer Ursache, die Bewegung von der Kraft? Und haben wir irgend einen Grund, anzunehmen, daß in der wirklichen Wirklichkeitswelt die Kraft von der Bewegung verschieden sei?

Wir können alle Erscheinungen der Wirklichkeitswelt in drei Gruppen einteilen: in die Erscheinungen des unbelebten Stoffes, in die Lebenserscheinungen und in die Erscheinungen des Denkens. Auf der untersten Stufe der physikalischen Erscheinungen steht für uns etwa die Schwere der Körper. Wir sind seit Newton dabei beruhigt worden, daß diese Schwere oder Schwerkraft das allgemeinste Gesetz der Welt ist. Verstehen wir aber wirklich das Verhältnis zwischen den Erscheinungen der Schwere und ihrer vermeintlichen Ursache irgendwie besser als das Verhältnis zwischen Leib und Seele? Da magnetische Erscheinungen bemerkt waren, erfand man zu ihnen den Magnetismus; da elektrische Erscheinungen als solche bemerkt waren, erfand man dazu die Elektrizität; da das Radium bemerkt wurde, erfand man dazu die Radioaktivität. Ist die Fortdauer der Wirkungen des Radiums (um deren willen man jetzt wie närrisch an den Worten des Energiegesetzes herumdeutelt) wirklich wunderbarer, weniger verständlich, als die Fortdauer der Schwere des ruhenden Steins? Sind nicht Newtons Schüler selbst der Versuchung erlegen, den Erscheinungen der Schwere in der Gravitation eine Seele zu geben? Es ist wie beim Denken: wir besitzen Sinnesorgane für die Erscheinungen der Schwere, wir besitzen kein Beobachtungsorgan für die Schwerkraft. Es ist dieselbe Sache wie beim Leben: wir besitzen Beobachtungsorgane für die Erscheinungen des Lebens, wir besitzen kein Organ für das, was immer irgendwie die Lebenskraft heißen wird. Es ist dieselbe Sache beim Denken: wir besitzen Beobachtungsorgane für den Leib des Denkens, für das Gehirn und für die Bewegungen des Denkenden, wir besitzen kein Beobachtungsorgan für die Denkkraft, die wir Seele nennen. So geht es uns immer, weil unsere Sinne Zufallssinne sind. Vielleicht werden sich einmal die Wirkungen der Schwere, des Lebens und des Denkens auf Elektrizität "zurückführen" lassen, vielleicht. Was hätten wir dann gewonnen? Auch für die Elektrizität besitzen wir ja nicht entfernt ein spezifisches Sinnesorgan; wir können die Wirkungen der Elektrizität erst dann beobachten, wenn sie sich durch die Metamorphose der Kräfte in irgendwelche Erscheinungen umgewandelt hat, die unseren Sinnen zugänglich sind. Wir kennen die Röntgenstrahlen, wir kennen die Radien des Radiums gewissermaßen nur aus Übersetzungen; in ihrer Originalsprache verstehen wir sie nicht.


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