Gedächtnis


Auch den Begriff Gedächtnis werden wir über den Sprachgebrauch hinaus ausdehnen oder einengen müssen, wenn wir unser Denken darüber in Sprache übersetzen wollen. In der Gemeinsprache ist das Gedächtnis ein Gespenst, ein Seelenvermögen, eine personifizierte Kraft. Wir werden als die einzige Wirklichkeit auf diesem Gebiete nur die einzelnen Gedächtnisakte oder Erinnerungen vorfinden, die wir dann — nur in Bezug auf die zu Grunde liegenden Wahrnehmungen — Erinnerungsbilder oder Vorstellungen nennen. Aber dieoberste Tatsache unseres Bewußtseins, die Assoziation dieser Vorstellungen, ist doch wieder Gedächtnisarbeit, weil es keine Erinnerung gibt, die nicht an eine andere geknüpft wäre, und weil die Verknüpfung eben auch wieder Erinnerung ist. Wir können das Gespenst "Gedächtnis" nicht entbehren, wie anderswo nicht das Gespenst "Wille", nicht das Gespenst "Vorstellung". Die Sprache hält uns mit ihren Worten. Die Sprache legt auch dem Anarchisten den Strick des Gesetzes um den Hals. Und auch der freieste Philosoph denkt mit den Worten der philosophischen Sprache.

So taumeln wir, wenn wir ehrlich reden wollen, hilflos zwischen den psychologischen Begriffen umher und müssen zugestehen, daß auch die vorhin aufgestellte Formel: "Wie verhält sich das Gedächtnis zu den Gedächtniszeichen?" die Frage nach dem Verhältnis zwischen Denken und Sprechen nicht löst. Vielleicht wird sie uns aber in der Wirrnis des Sprachgebrauchs ein wenig die Wege weisen.


 © textlog.de 2004 • 19.10.2017 09:27:00 •
Seite zuletzt aktualisiert: 30.06.2005 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright