Individualpsychologie


Die Schwierigkeit besteht also allein für die Individualpsychologie. Unter den Tätigkeiten im Kopfe eines einzelnen Menschenorganismus kann es allerdings kein Sprechen ohne Denken geben; denn ein Wort oder ein Satz ohne Sinn und Bedeutung ist für uns nicht Sprache. Im Kopfe des einzelnen Menschenorganismus geht jedoch sehr häufig etwas vor, was seit Platon bis auf die Gegenwart immer wieder ein Denken ohne Sprechen, oder ein lautloses Denken, oder ein unbewußtes Denken genannt worden ist.

Für die konsequenten Vertreter der physiologischen Psychologie dürfte die Schwierigkeit nicht vorhanden sein. Sie müssen mit uns die technischen Ausdrücke Wahrnehmung, Vorstellung und Assoziation als unkontrollierbare Phantasien einer subjektiven, vorwissenschaftlichen Psychologie betrachten und können sich auf die freilich trügerische Hoffnung zurückziehen, daß die Forschungen der Gehirnanatomen dereinst die Frage nach dem Wesen des Denkens beantworten werden. Auf diesem Wege hat aber jedenfalls Ziehen (Physiologische Psychologie, 2. Aufl., S. 170—173) sehr hübsch gezeigt, daß zwischen dem angestrengten, vermeintlich willkürlichen Denken und dem (wie man gewöhnlich sagt) unbewußten Denken kein erheblicher Unterschied bestehe. In dem einen wie dem anderen Falle knüpft sich an irgend eine Anregung Assoziation nach Assoziation, bis die Bewegung inne hält, weil entweder (beim unbewußten Denken) die letzte Vorstellung unser Bewußtsein weckt oder weil (beim vermeintlich willkürlichen Denken) die letzte Vorstellung endlich diejenige ist, welche wir als Ziel der ganzen Assoziationenreihe im Auge behalten haben. Ich möchte die Sache durch ein Bild deutlich machen. Ob wir eine Stunde im Walde spazieren gehen und uns bald durch das Vorhandensein eines betretenen Weges, bald durch den Reiz des Dickichts hierhin und dorthin lenken lassen, oder ob wir einem Ziele zustreben, das eine Stunde entfernt liegt, beidemal haben wir die gleichen Gehbewegungen gemacht, langsamer oder schneller, eifriger oder schläfriger, absichtsvoller oder unabsichtlicher, aber gegangen sind wir in beiden Fällen. Und wenn ich es recht bedenke, so war das eben Vorgetragene nicht so sehr ein Bild als ein Beispiel; denn auch für den Standpunkt der physiologischen Psychologie fällt das Gehen wie das Denken unter den oberen Begriff der Bewegung. Wir werden gleich sehen, daß wir ohne den Wortaberglauben der Physiologen ebenfalls einen kleinen Schritt weiter kommen, wenn wir das Denken mit dem Sprechen gleichsetzen und uns erinnern, es als Bewegung aufgefaßt zu haben.


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