Erhaltung der Energie


Die gegenwärtige Naturwissenschaft hat das materielle wie das geistige Weltall teils als Bewegung, teils unter dem Bilde der Bewegung verstehen gelernt. Was wir hören, sind Stoßbewegungen elastischer Körper, was wir schmecken, wird uns als ein System chemischer Bewegungen beschrieben, was wir sehen, nennt man Ätherbewegungen. Was wir sprechen, kommt erst durch Bewegungsgefühle zu stände; was wir denken, hat unbsechriebene Molekularbewegungen im Gehirn zum Korrelat. Warum sollte unser Denken oder Sprechen mehr sein als ein Ausklingen der Bewegungen im Weltall.

Lotze hat darauf hingewiesen, daß im Schall, der den Mund verläßt, die Wellen austönen, die unsere Sinnesorgane treffen. Der Gedanke ist vielleicht realistischer zu nehmen, als man glaubt. Vielleicht muß der Mensch nach starken Wellenschlägen (die sein Auge oder Ohr z. B. getroffen haben) den Mund zum Schreien oder Reden aufreißen, wie der Kanonier beim Feuern den Mund öffnet, damit er nicht taub werde. Vielleicht ist wirklich die Bewegung der Wellen, die unsere Organe treffen, oft zu stark, als daß die von ihr veranlaßt« chemische Bewegung in den Nerven u. s. w. ihre Energie ganz verbrauchen könnte. Vielleicht ist es der Überschuß an Energie, der im Gehirn Assoziationen bewirkt und als Schallwelle aus dem Munde fährt. Experimentell wird sich das wohl kaum nachweisen lassen, so lange man die chemischen und sonstigen Vorgänge in den Nerven nicht besser kennt.

Aber auch wenn diese Hypothese abzuweisen ist, wenn die einwirkende Energie der äußeren Molekülbewegungen zur Ruhe, zur Kräfteausgleichung in dem kommt, was in unserem Gehirn vorgeht und veranlaßt wird, auch dann müßte man aus dem Gesetze der Erhaltung der Energie schließen. daß keine einzige neue oder irgendwie differenzierte Wahrnehmung ohne folgendes Denken bleibt, daß dieses Denken unmöglich ohne gewisse psychologische Änderungen vor sich geht, daß — da diese neue Wahrnehmung im Gedächtnis haftet — sie sich mit der Summe der früheren Wahrnehmungen assoziiert, das heißt dem Gedächtnis oder Sprachschatz einverleibt wird, daß also auch der einfachste wirkliche Denkprozeß gar nicht möglich ist ohne Sprache, ja eigentlich identisch ist mit der Sprachbewegung, welche immer zugleich Sprachübung oder Wachstum ist.

Vielleicht wäre es fruchtbar, das Gesetz von der Erhaltung der Energie nicht nur auf die Wortsprache, sondern auch auf die so verständliche Zeichensprache der Tränen und des Lachens anzuwenden. Gewisse Schutzmaßregeln des Ohres und des Auges (die bekannteste ist das Verengen der Pupille bei starkem Lichtreiz) lassen erkennen, daß der Organismus übergroße Energie der Außenwellen fürchtet. Kommen sie dennoch übermächtig heran, so hilft er sich gar mit Ohnmächten und endlich — aus Verzweiflung — wenn's nicht anders geht, mit dem Selbstmord, der dann Tod heißt.

 

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