Gedächtnis


Das Gedächtnis behält nur das mathematische Schema; es hält dieses Schema für die Momentsprache bereit. Im Gebrauch der übrigen Sprache arbeitet das Gedächtnis — ich kann die Abstraktion der Kürze wegen nicht entbehren — ebenfalls mit Kategorien, mit denen der Grammatik; aber der Sprachschatz umfaßt so unendlich mehr Worte als die einfachen ersten zehn Zahlen. Natürlich. Denn beim elementaren Geschäfte des Zählens handelt es sich eigentlich um einen einzigen Begriff, um den menschlich bequemen Begriff der Einheit; richtiger: um das Verhältnis der Einheit zur Zweizahl. Und ich kann mir eine Sprache ausdenken, in welcher auch die zehn ersten Zahlworte aus einem gebildet würden, m welcher die besonderen Worte für hundert, tausend u. s. w. verschwinden, in der sämtliche Zahlworte schematisch aus dem Worte für die Einheit (richtiger: aus dem Verhältnis 1:2) hervorgehen. Die Begriffe der übrigen Sprache lassen eine so schematische Entwicklung nicht zu. Unzählige Sinneseindrücke drängen und stoßen sich in unserem Kopfe, und wir sind froh, daß wir sie in unserem Sprachschatz einigermaßen geordnet beisammen haben. Das formale Gedächtnis für die grammatischen Kategorien ist beim Sprechen eine besondere Bequemlichkeit; aber erst das Sachgedächtnis, das heißt das Gedächtnis für die die Sinneseindrücke zusammenfassenden Worte, bildet das eigentliche Fundament der Sprache. Und jetzt können wir die Frage ins Auge fassen: Wie ist es möglich, daß diese zusammenfassenden Worte, während sie sich selbst gar nicht oder nur unmerklich verändern, in ihrer Bedeutung so außerordentlich großen Wandel erfahren? Wie "Erde" durch die Verbesserungen der Astronomie, wie "Lampe" durch die Verbesserungen der Beleuchtungstechnik. Glauben wir an die Abstraktion eines objektiv über dem Einzelgehirn schwebenden Denkens, welches fortschreitet, und daneben an die verhältnismäßige Stabilität der Volkssprache, in welcher dieses Denken fortschreitet, so ist allerdings ein klaffender Gegensatz zwischen Denken und Sprechen vorhanden. Dann ist das Denken eine körperlose Gottheit, und die Sprache wird zu ihrem körperlichen Werkzeuge. Dann wird das Denken zur Seele und die Sprache zum Stoffe dieser Seele.



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Seite zuletzt aktualisiert: 30.06.2005