Röntgenstrahlen


Whitney bekämpft meine Anschauung im voraus (wir sehen aus dem historischen Teile seines Werkes, welche Lehren ihm dabei vorschwebten) durch das Beispiel des Galvanismus: er sei doch als eine Naturkraft anerkannt worden, bevor noch seine Entdecker sich darüber geeinigt hatten, welchen Namen sie ihm beilegen sollten. Die Sachlage wird deutlicher werden, wenn ich vorerst anstatt des Galvanismus, dessen Namensgeschichte zu weit führen würde, das Beispiel von den Röntgenstrahlen nehme. Der seelische Vorgang ist völlig der gleiche, Eines Tages bemerkte der Professor Röntgen in seinem Laboratorium, daß bei gewissen elektrischen Erscheinungen Schatten entstanden, die eines der bekannten Lichter nicht geworfen hatte. Er hatte also einen bis dahin noch unbekannten Sinneseindruck. Er hatte eine neue Beobachtung gemacht, ein neues Apercu. Diese neue Beobachtung wurde, nebenbei bemerkt, zu einer neuen Entdeckung, weil die Beschreibung des neuen Eindrucks dazu führte, von allen bisher gekannten Naturursachen abzusehen und eine neue Ursache einzufügen. Professor Röntgen war zuerst von dem Anblick verblüfft, wie vielleicht vor ungezählten Jahrtausenden ein Mensch darüber verblüfft war, daß Feuer brannte, oder daß ein Stein fiel, oder daß aus einem aufgerissenen Menschenleibe Blut floß. Auch das waren einmal neue Entdeckungen. Und wenn es wahr ist, daß des Professors Diener die Erscheinung zuerst sah, was man so sehen nennt, so wurde auch unsere Entdeckung zuerst von einem Menschen gemacht, der nicht einmal verblüfft war. Nun wollte Professor Königen seine neue Beobachtung mitteilen. Er ist ein so moderner Kopf, daß er weniger an eine Erklärung als an eine Beschreibung dachte. Auch zur Beschreibung mußte er die Sprache gebrauchen. Sprache ist aber allerwege nur die Erinnerung an frühere Sinneseindrücke; sie ist nie und nimmer ohne Bedeutungswandel der Worte zur Beschreibung einer neuen Beobachtung zu gebrauchen. Diesen Bedeutungswandel mußte Professor Röntgen momentan in seinem individuellen Gehirn vornehmen, damit er in die Sprache der Zeitgenossen überginge. Konnte er die neuen Begriffe für die neue Beobachtung nicht durch Bedeutungswandel aus dem vorhandenen Sprachschätze schöpfen, so mußte er neue Worte bilden. Er hat beides getan. Den Bedeutungswandel hat er offenbar unbewußt vorgenommen, die Neubildung bewußt und ungeschickt. Der Bedeutungswandel bestand darin, daß er die Ursache des neuen Wunders, der Fluoreszenz und des Schattens, überhaupt "Strahlen" nannte; ich habe noch nirgends die Bemerkung gelesen, daß die Bezeichnung "Strahlen" für die Hervorrufer jener Schattenwirkung eine Metapher gewesen sei, eine bildliche Anwendung des Wortes "Strahl", welches, nebenbei bemerkt, wieder nur eine bildliche Anwendung eines älteren "Strahl" war. Strahl bedeutete einst so viel wie "Pfeil", und es war schon metaphorisch, wenn im Althochdeutschen Donnerstrahl (donarsträla) so viel wie Blitzstrahl oder Blitzpfeil hieß; in slavischen Sprachen heißt das Wort noch immer Pfeil und hängt mit dem Worte für schießen zusammen. Aus einer veralteten Optik, welche sich die Lichtquelle gewissermaßen schießend dachte, ist unser scheinbar so verständliches Wort Strahl schon als eine Metapher durch Bedeutungswandel hervorgegangen. Im Grunde denken wir uns unter Strahl eine unbekannte Ursache von Lichtwirkungen. Als nun Professor Röntgen die Ursache der von ihm neu beobachteten Licht- und Schattenwirkung zu den Strahlen rechnete, erweiterte er den Begriff metaphorisch wieder um ein Stück, nämlich: von den unbewußt unbekannten Ursachen von Lichtwirkungen auf die ganz und gar unbekannten. Es erfuhr also der Gattungsbegriff "Strahl" einen Bedeutungswandel, der möglicherweise in den Definitionen künftiger Optiken seinen Ausdruck finden wird.

Nun aber handelte es sich darum, der angenommenen besonderen Art dieses Gattungsbegriffs Strahl auch einen besonderen Namen zu geben. Professor Röntgen schlug den bequemsten Weg ein. In der Mathematik wird mit X die Unbekannte bezeichnet, und so nannte er in seiner ersten Beschreibung die unbekannten Strahlen "X-Strahlen". (Hie und da wurde das seltsame Wort sogar fälschlich als "Zehner-Strahlen" gelesen.) Da wir unter Strahlen nur die unbekannten Ursachen verstehen, so ist für uns der Ausdruck X-Strahlen freilich nur ein X2. Das nebenbei. Die Bezeichnung X-Strahlen war ebenso gut wie eine andere. Die freundlichen Zeitgenossen haben sie jedoch nicht angenommen. Binnen wenigen Monaten führten sie in den Zeitungen das Wort Röntgenstrahlen ein, zu Ehren des Entdeckers, so wie vor hundert Jahren der erste Entdecker gewisser Elektrizitätserscheinungen dem Galvanismus seinen Namen gab, trotzdem er die Erscheinung falsch erklärt hatte, und trotzdem die eine Zeitlang konkurrierende Bezeichnung Voltaismus den besseren Beobachter und Beschreiber geehrt hätte.

Wenn man nun sagt, die Beobachtung der Wirkungen von Röntgenstrahlen sei früher dagewesen als das Wort, so ist das gewissermaßen mechanisch richtig; aber nur die Beobachtung war früher da, nicht der Begriff. Und selbst die Beobachtung, die neue Entdeckung entstand in der Individualseele des Professors Röntgen erst in dem Augenblicke, als er die Lichtwirkung zum ersten Male apperzipierte, das heißt als er die Wirkung als eine Lichtwirkung wahrnahm, das heißt als er sie mit den Wirkungen anderer unbekannten Ursachen, anderer Strahlen in seinem Gedächtnisse verglich. Ich sagte eben: Sprache ist immer nur Erinnerung, kann ohne Bedeutungswandel nie auch nur zur Beschreibung neuer Beobachtungen benützt werden. In diesem Augenblicke der Vergleichung erweiterte sich für Röntgen (was seitdem zu einer Erweiterung des Sprachgebrauchs geworden ist) der Begriff der Strahlen, und ob man diesen erweiterten Begriff X-Strahlen oder Röntgenstrahlen nennt, das ist so individuell und so momentan wie die Frage, ob ich Bicycle oder Rad sage. Wirklich stattgefunden hat nur ein Akt des Gedächtnisses. Die Erinnerung daran ist zugleich eine Bereicherung unseres Denkens und unserer Sprache, einerlei ob die Bereicherung der Sprache durch Bedeutungswandel oder durch eine Neubildung zu stände gekommen ist.

Hier wie an vielen anderen Stellen könnte man mir einwerfen: Das sagen ja andere auch, selbst Max Müller. Selbst Max Müller nimmt ja in hellen Augenblicken einen vollkommenen Parallelismus zwischen Denken und Sprechen an, ein Verhältnis etwa wie zwischen Seele und Leib. Desto besser, wenn andere dasselbe sagen. Nur genügt mir eben der Parallelismus nicht. Das Bild ist grundfalsch. Ich kann "Leib" sagen und ihn vorstellen und von seiner Innenseite völlig abstrahieren. Ich kann mir die Seele oder geistige Vorgänge vorstellen und dabei von der Außenseite, dem Leibe, abstrahieren. Ich kann an Denken denken und vom Sprechen absehen. Niemals aber kann ich mir ein "Sprechen" vorstellen ohne seine Innenseite, das Denken.

Wie beim Zählen ist also auch beim ganz anderen Bedeutungswandel Denken und Sprechen nicht zu trennen. Sprache ist immer Erinnerung. Freilich sollte man weiter nicht eben fragen, ob ein Gedächtnis ohne Gedächtniszeichen möglich sei. Vielmehr: ob eine Erinnerung an die Wirklichkeitseindrücke ohne Zeichen möglich sei. Die Menschen sind geneigt, das Zeichen von der Kraft zu unterscheiden, die es geschaffen hat. Wir wollen nicht zugeben, daß der preisgegebene Nordpolfahrer, der vor seinem Tode auf einer fernen Insel zum Zeichen seiner Anwesenheit Steine übereinander schichtete, identisch sei mit diesem Monument seines Lebens.Aber die Zeichen der Sprache sind ja ohne äußerliche Hilfsmittel hergestellt; man braucht für diese Zeichen keine Steine. Der Bildner der Sprachlaute ist nicht wie ein Architekt, der Material braucht. Die Sprache des redenden Menschen besteht aus Zeichen, die ein Teil seines Lebens sind, ein Teil seiner Lebensbewegungen. So gehören die Zeichen der Sprache noch inniger zu seinem Ich, als etwa selbst die Gebeine des armen Nordpolfahrers zu ihm selbst gehört haben, die jahraus, jahrein im Eise der einsamen Insel verborgen liegen, ungesehen und unverändert, und dennoch ein gültigeres Zeichen seiner Anwesenheit als der Steinhaufe, den er errichtet hat.


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