Schriftsprache


Unbeirrt wiederhole ich bei jeder Gelegenheit, daß Denken und Sprechen ein und dieselbe Geistestätigkeit bezeichne, und doch weiß ich, daß die beiden Begriffe nicht ganz gleich sind. Das Identische in beiden Begriffen festzuhalten wird zur Pflicht gegenüber den ewigen Unklarheiten, welche seit Jahrtausenden in der Sprache nur ein mechanisches Werkzeug des Denkens, im Denken irgend eine übermenschliche Kraft sehen wollen. Solchem Aberglauben gegenüber halte ich es für Pflicht, einen Nachdruck auf die Identität zu legen und insbesondere darauf hinzuweisen, daß ein sogenanntes Denken ohne Sprechen weniger übermenschlich und göttlich als vormenschlich und tierisch ist. Man wird diese paradoxe Behauptung besser verstehen, wenn ich das Verhältnis zwischen Denken und Sprechen mit dem Verhältnis zwischen Lautsprache und Schriftsprache verglichen habe. Die Schrift, wie sie heutzutage in gedruckten Büchern psychologisch oft stundenlang die alleinige Sprache der Gebildeten ist, ist doch ohne Frage nur eine andere Form der Lautsprache. Die Lautsprache hat gegenüber der Schrift den Vorteil der Unmittelbarkeit, der größeren Anpassungsfähigkeit, der rascheren Veränderlichkeit; aber nicht nur für die leichtere Mitteilung durch Zeit und Raum hat die Schrift ihre Vorteile, sondern auch für die höchsten Formen des abstrakten Denkens. Die sichtbaren und darum dauernden Schriftzeichen lassen die Begriffe länger und ungestörter festhalten als die flüchtigen Lautzeichen. So hat die Schrift gegenüber der Sprache Vorteile und Nachteile, ist aber im Grunde die gleiche Geistestätigkeit. In ähnlicher Weise kann man annehmen, daß das tierische, vorsprachliche Denken, welches man darum auch ungern Denken nennt, unmittelbarer, anpassungsfähiger ist als das Denken in Sprachlauten, welches wieder nicht nur für die Mitteilung unersetzlich, sondern eben für das Festhalten der Begriffe überaus nützlich ist. Hätten die Tiere ein besseres Gedächtnis, so hätten sie eine Lautsprache, was man auch freilich dahin umkehren kann, daß die Tiere ein besseres Gedächtnis hätten, wenn sie eine Lautsprache besäßen. Die Lautsprache ist das Gedächtnis des menschlichen Tieres; die Schrift ist nicht nur die Dauerform der Gedächtniszeichen, die Schrift ist eine künstliche Verbesserung des Gedächtnisses, Avie die Photographie eine Verbesserung des Sehorgans.

In diesem Gedankengange ist schon ein Beispiel dafür gegeben, wie die Sprache die beiden Begriffe Denken und Sprechen bald identifiziert, bald durch Begriffsnüancen auseinander hält. In diesem Gedankengange ist aber, wie man sieht, das Denken dem Sprechen nicht übergeordnet, sondern es ist die Sprache der reichere Begriff, sie ist das Denken + Lautzeichen, wie die Schrift das Sprechen + Schriftzeichen ist.


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