Fremde Sprachen


Einen sehr kleinlichen Einwand gegen die Identität von Denken und Sprechen hat man davon hergeholt, daß der gleiche Gedanke sich in verschiedenen Sprachen und auch von verschiedenen Menschen desselben Volkes ungleich ausdrücken lasse, und daß umgekehrt gleichlautende Worte oder Wortfolgen verschiedene Gedanken ausdrücken können. Die Antwort lautet wieder: Es gibt nur individuelles Denken und nur individuelle Sprachen. Alles andere ist Abstraktion. Ob ich einen Nagel aus dem Holz mit den Nägeln herausziehe oder mit einer Zange oder mit Hilfe eines Stemmeisens, das Verhältnis zwischen meiner Kraft und der Wirklichkeit ist immer dasselbe. Ich wende Hebelkraft an, auch dann noch, wenn ich anstatt des Nagels eine Schraube mit dem Schraubenzieher herausdrehe. Es ist eine verschiedene Form für dieselbe Sache. Und wieder: wenn ich die Zange umdrehe und sie als Hammer benutze, um einen Nagel einzuschlagen, so mag das der Zange schaden, aber nur ein törichter Zunftmeister könnte es mir verwehren, die Zange darum als Hammer zu benutzen, weil die Zange Zange heiße und der Hammer Hammer. Zange und Hammer sind Abstraktionen. Wirklich ist nur das Stück Eisen, wirklich ist eigentlich nur die Schwere des Eisenstücks und die angewandte Hebelkraft, soweit nicht auch diese Begriffe Abstraktionen sind.

Wir müssen aber hier den Begriff der Individualsprache noch näher betrachten und uns erinnern, daß auch dieser Begriff nur eine ungenaue Abstraktion ist, daß der einzelne Mensch nicht sein Leben lang das zunftgemäße Werkzeug Sprache in gleicher Weise besitzt, daß es in Wirklichkeit auch für den Einzelmenschen in jedem Augenblicke nur eine ererbte und erworbene Sprachbereitschaft und ihre gegenwärtige konkrete Anwendung gibt. Das wird uns darüber belehren, was es zu bedeuten habe, wenn man den kleinlichen Einwurf bei einer besonderen bekannten Erscheinung wiederholt. Wenn ich Französisch gelernt habe, so kann ich meine Sprache in die Sprache der Franzosen übersetzen, das heißt ich zwinge mein Gehirn, mir ungewohnte Lautgruppen hervorzurufen, von denen ich weiß, daß sie die Sprache des anderen sind. Dann ist Denken und Sprechen nur beim Franzosen identisch. Bei mir freilich nicht; aber nur darum nicht, weil ich gar nicht meine Sprache rede, sondern bloß mühsam zu meiner Sprache oder meinem Denken fremde Zeichen gebrauche. Ich rade-breche französisch und denke deutsch. Durch große Übung oder durch längeren Aufenthalt in Frankreich bringe ich es aber langsam so weit, französisch zu denken, trotzdem Deutsch meine Muttersprache ist. Ich will hier die psychologische, Frage nicht untersuchen, wie es sich mit diesem Französischdenken verhält. Offenbar ist doch der Vorgang im Gehirn — im Anfang wenigstens — so wie beim Lesen eines Menschen, dem das Lesen sehr geläufig ist. Er hat die sichtbaren Zeichen für seine Begriffe so sehr eingeübt, daß die hörbaren Zeichen, die Worte, aus seinem Bewußtsein ausgeschaltet werden. Es wird dann Lesen und Denken unmittelbar verknüpft, und wir wissen nicht, wie weit und wie stark und wie lange das Zwischenglied der hörbaren Sprache mittätig ist. So weiß ich auch nicht, wie weit meine Muttersprache im Unbewußten ein Zwischenglied bildet, wenn ich nach zehntägigem Aufenthalte in Frankreich französich denke, das heißt französischspreche, ohne daß ich eines deutschen Wortes gedenke. Daß die Ausschaltung des Zwischengliedes der Muttersprache bis zu einer Auslöschung dieses Zwischengliedes führen kann, ist wohl gewiß, weil doch sonst nicht ein vollkommenes Vergessen der Muttersprache eintreten könnte, was doch bei Kindern im Auslande die Regel ist. Hat ein junger Deutscher durch langjährigen Aufenthalt in Frankreich Französisch zu seiner Muttersprache gemacht und das Deutsche vergessen, so hat er allmählich seine Individualsprache gewechselt, und zwar vollkommen, die abstrakte Individualsprache. Aber auch, wenn ich nach zehntägigem Aufenthalte in Frankreich französisch zu denken beginne, habe ich meine Individualsprache verändert, und zwar nicht die abstrakte Individualsprache, sondern die einzige wirkliche Sprache, die Sprache des jeweiligen Moments. Daraus ein Argument zu schmieden für einen Unterschied zwischen Sprechen und Denken ist ungereimt. Ebensogut könnte man sagen: Leib und Seele haben nichts miteinander zu tun, weil meine Seele sich nicht ändert, während ich durch langjährigen Aufenthalt in Afrika eine braune Haut bekomme. Und es ist nicht einmal wahr, daß meine "Seele" sich nicht ändert, wenn ich unter der afrikanischen Sonne lebe oder wenn ich französisch denke.


 © textlog.de 2004 • 24.10.2017 09:35:39 •
Seite zuletzt aktualisiert: 30.06.2005 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright