Gedächtniszeichen


Auch daran wurden wir erinnert, was das Denken sei. Ob laut oder leise, das Denken ist immer ein inwendiges Vergleichen dieser Erinnerungszeichen. Wir können Sinneseindrücke in uns aufnehmen ohne solche Zeichen; wir können uns in der gegenwärtigen Welt ohne solche Zeichen orientieren; und wenn wir dieses Aufnehmen und dieses Orientieren durchaus ein Denken nennen wollen, so steht dem nichts im Wege. Mein Sprachgebrauch, den ich von Schopenhauer geerbt habe, sagt "Verstand" dafür und trennt Verstand gern vom Denken. Der Sprachgebrauch hat schon andere Konfusionen angerichtet. Vorläufig aber nennt man das Aufnehmen von Sinnes-eindrücken und die Orientierung in der gegenwärtigen Wirklichkeitswelt nicht Denken. Vorläufig versteht man unter Denken das Vergleichen von Erinnerungszeichen, denen die Sinneseindrücke und die damalige Gegenwart vorangegangen sind. Soll nun jetzt noch für uns die Frage nach dem Verhältnis von Denken und Sprechen einen wertvollen Sinn haben, so erhebt sie sich plötzlich in ein anderes Gebiet und müßte allgemein so formuliert werden: Besitzen wir ein Gedächtnis ohne Gedächtniszeichen? Dieser Frage steht die Sprachphilosophie ganz hilflos gegenüber, und auch die Psychologie, weil sie nicht ernsthaft physiologisch geworden ist, weiß nichts mit ihr anzufangen. Das Verdienst dieser Fragefassung besteht eben nur — wie so oft — in der neuen Formulierung einer alten Frage. Sollte sie in der neuen Fassung einmal beantwortet werden können, so wird die neue Antwort höchst wahrscheinlich darin bestehen müssen, daß auch das Gedächtnis als ein abstraktes Wort für eine personifizierte Seelenkraft ausscheidet, und daß die wahrhaft physiologische Psychologie sich nur noch mit den Zeichen für ähnliche Sinneseindrücke beschäftigt. Und dann wird noch mehr zusammenstürzen als bloß Denken und Sprechen.

Ich kann an dieser Stelle die ganze Schwierigkeit nur andeuten. So wie der Begriff der menschlichen Sprache nur etwas Unwirkliches ist, und wie sogar die Individualsprachen Abstraktionen sind von ähnlichen, aber immer sich verändernden Erscheinungen, so wie also auf dem Gebiete der Sprache nur die momentane Bewegung des Sprachorgans und eigentlich nur der letzte mikroskopische Bestandteil dieser Bewegung wirklich ist, — so ist auch wiederum das menschliche Denken nur ein Unwirkliches, so ist selbst die Weltanschauung (das Korrelat der Individualsprache) eines einzelnen Menschen ein Abstraktum; wirklich ist nur die momentane Erinnerung, der momentane Gedächtnisakt. Der doch irgend eine Bewegung sein muß , wie auch an "der" Sprache wirklich nur ist die momentane Bewegung mit ihren beiden Seiten: der innerlichen Bewegungsvorstellung und der äußerlichen Sehallerregung. Das alles scheint einfach genug. Das Gedächtnis verrät die verdächtige Zugehörigkeit zu der märchenhaften Gruppe der Seelenvermögen schon dadurch, daß es mitunter auch Gedächtniskraft genannt wird. In der Tat ist das Gedächtnis wie üblich mit den Worten erklärbar: es sei die Kraft, Erinnerungen zu haben. Ebensogut könnten wir von einer besonderen Nieskraft sprechen, welche uns unter besonderen Umständen niesen läßt. Alles drängt uns dazu, den Begriff Gedächtnis fallen zu lassen, und uns an die Äußerungen dieser Kraft zu halten, an die Erinnerungen. Nun aber entsteht sofort die Frage, was an der einzelnen Erinnerung denn eigentlich wirklich sei. Wenn wir nämlich die sogenannte Erinnerung bis in ihren letzten Schlupfwinkel verfolgen, so stellt sie sich jederzeit als eine Vergleichung heraus, als eine Gleichstellung eines früheren und eines gegenwärtigen Eindrucks, wobei dann entweder der frühere oder der gegenwärtige Eindruck selbst ein Nachbild sein kann, wofür wir wieder nur das Wort Erinnerung haben. Die bisher wenig bemerkte Unklarheit dieses Begriffs steigert sich noch dadurch, daß die angebliche Gleichstellung jedesmal mit irgend einem, wenn auch noch so kleinen Gedächtnisfehler behaftet ist. Es sind zwei Fälle möglich. Entweder ich vergleiche einen gegenwärtigen Sinneseindruck mit einem Nachbild, z. B. ich treffe einen Bekannten auf der Straße und erkenne ihn wieder; dann sehe ich über kleine Unterschiede gegen seine letzte Erscheinung hinweg. Oder es steigt in meiner Erinnerung ein Nachbild auf, in welchem sich eine große Zahl ähnlicher, aber nicht gleicher Eindrücke verbunden haben. Eine solche Erinnerung ist dann ein Begriff, und aus der Vergleichung solcher Begriffe besteht, was wir ganz besonders unser Denken nennen. Was ist nun an einer solchen Einzelerinnerung wirklich? Die vergleichende Tätigkeit ist eine Abstraktion für etwas, was wir nicht kennen. Der vergleichenden Tätigkeit liegen mindestens zwei Eindrücke zu Grunde, welche niemals völlig identisch sind und welche darum in Wirklichkeit nicht in eins zusammenfließen können. Es ist also auch der Begriff Einzelerinnerung wissenschaftlich nicht recht zu fassen. Wenn wir also als letztes Asyl unserer Unwissenheit das Gedächtnis und seine Zeichen ausgefunden haben, wenn wir das Denken ein Vergleichen von Erinnerungen und das Sprechen den Gebrauch von Erinnerungszeichen nannten, wenn wir sodann die Frage aufwarfen, ob es ein Gedächtnis ohne Gedächtniszeichen gebe, so sind wir jetzt beinahe in der traurigen Lage, von all diesen Begriffen nur noch die Zeichen der Erinnerung als halbwegs wirkliche und bekannte Tatsachen annehmen zu können. "Wir werden weiterhin mit dem Begriffe Gedächtnis nur noch als wie mit einer Unbekannten operieren können, aber dennoch viel mit ihm operieren müssen.

So viel scheint uns aber jetzt schon gewiß, daß das Denken und das Sprechen in dem Begriff des Gedächtnisses zusammenfließen, und daß für denjenigen, der das Wesen der Erinnerung erkannt hätte, ein Gegensatz zwischen Denken und Sprechen nicht mehr vorhanden wäre. Weil aber in der Vorstellung der Menschen, in ihrem Sprechen oder Denken, zwischen Decken und Sprechen immer ein Unterschied besteht, weil immer wieder der Einwand gemacht wird, es erweitere sich das Denken sehr häufig ohne Erweiterung der Sprache, darum will ich noch an zwei kleinen Beispielen zu zeigen suchen, wie wenig das Denken von der Sprache unabhängig sei, einerlei, ob die Worte sich äußerlich ändern oder nicht.


 © textlog.de 2004 • 18.12.2017 15:40:43 •
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