Individualsprache


Aber so leicht dürfen wir es uns nicht machen. Es gibt ja, wie wir gesehen haben, kein Abstraktum Sprache in der Wirklichkeit; auch das verhältnismäßig konkretere Ding "Volkssprache" ist noch nicht wirklich. Wirklich sind nur Individualsprachen, wirklich ist am Ende aller Enden nur die augenblickliche Bewegung meiner Sprachorgane und ihr tönendes Erzeugnis. Wir dürfen nicht müde werden. Über den Abgrund hinüber müssen wir, und führte der Sprung auch in den Abgrund hinein. Man bedenke doch nur, daß auch der Begriff Eisenbahn ein unwirkliches Abstraktum ist. Wer das nicht erfaßt hat, der schlage das Buch zu und glaube mit den mittelalterlichen Realisten an einen wesenhaften Begriff der Dreieinigkeit, der in Realität noch älter sei als die göttliche Dreieinigkeit selbst. Die Eisenbahn ist ein Abstraktum. Der Umstand z. B., daß von Königsberg bis Marseille die Schienen gleich weit auseinander stehen, ist erfreulich, weil er die Eisenbahn erst fahrbar macht. Aber relativ wirklich ist nur jedes Kilo Eisen der Schienen; nicht einmal die einzelne Eisenschiene ist ganz real, weil zweckmäßige Form, an ihr ist. So ist auch der Umstand, daß die Menschen eines Volkes die gleichen Zeichen für ähnliche Sinneseindrücke haben, erfreulich, er macht die Sprache brauchbar für den Verkehr. An der russischen Grenze mißt man eine andere Spurweite ab, datiert nach einem anderen Kalender, spricht man eine andere Sprache. In ähnlichem Sinne ist die Gewöhnung eines Einzelmenschen erfreulich, weil erst diese Gewöhnung die Nervenbahn fahrbar macht für die regelmäßige Anwendung der Worte. Es ist aber nur die augenblickliche Bewegung des Sprachorgans wirklich. Und nur, um nicht allen Boden unter den Füßen zu verlieren, will ich wenigstens die Gewohnheit des Einzelmenschen, die Individualsprache, als etwas Wirkliches gelten lassen.


 © textlog.de 2004 • 22.10.2017 10:24:05 •
Seite zuletzt aktualisiert: 30.06.2005 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright