VIII. Wortglaube



Namensaberglaube


Der Götzendienst mit Namen wird immer als solcher bezeichnet, wenn es sich um einen Götzendienst alter oder ferner Völker handelt. Denn den eigenen Götzendienst nennt man Gottesdienst, wie man die eigene Macht Recht und die eigene Brunst Liebe nennt. Es gibt Völker, bei denen es verboten ist, den Namen eines Toten auszusprechen oder auch nur den Namen der lebendig gebliebenen gleichnamigen Verwandten. Das könnte die Götter beleidigen, sagen diese Menschenfresser. Dazu gehört auch die Anschauung mancher Völker, nach der die eheliche Verbindung mit einem Weibe von gleichem Namen wie eine Art Blutschande angesehen wird. Uns sind solche Sitten fremd. Wenn aber ein Attentat auf einen greisen Kaiser versucht worden ist, so legen Dutzende von Namensvettern des Mörders den Namen ab, wie bei den Menschenfressern die Überlebenden einen neuen Namen annehmen, um die Gottheit über die Identität zu täuschen. Andere wilde Völker haben Gesetze, die wie das dritte Gebot der Juden den Namen ihres Götzen auszusprechen verbieten. Orthodoxe Juden sagen heute noch nicht Jehovah, sondern. Sehern, das heißt "der Name". Das wundert uns, aber der Bürger eines monarchischen Staats, der seinen Souverän einfach bei seinem Taufnamen oder bei seinem vollen Namen anreden würde, wagte wahrscheinlich eine Anklage wegen Majestätsbeleidigung. Fromme Mohammedaner vermeiden es, auf ein Blatt Papier zu treten, weil der Name ihres Gottes darauf stehen könnte. Fromme Juden und gute christliche Kinder küssen die Bibel, wenn sie zufällig zur Erde gefallen ist. Und wieder müßten alle Zeitungsleser, um einen Prozeß zu vermeiden, immer genau nachsehen, ob ihr Stück Zeitungspapier nicht den Namen des Herrschers enthalte, bevor sie es seiner natürlichen Bestimmung zuführen. In Prag wurde vor einigen Jahren ein. solcher Majestätsbeleidigungsprozeß wirklich geführt; wobei allerdings die klare Absicht der Beleidigung vorlag, weil man ein kaiserliches Reskript, auf weichem Papier gedruckt, zum Kaufe anbot.

Mein oft zitierter Agrippa, der mir auch in seinen kabbalistischen Schriften, den Schalk mitunter zu verraten scheint, hat einmal in seiner Geheimen Philosophie (III. Buch, 26. Kap.) einen Hauptgrund des Namensaberglaubens bemerkt: "Die nach dem Kalkül der Sterne gebildeten Namen [sinnlose Buchstabenzusammenstellungen] vermögen doch, obgleich ihre Bedeutung und ihr Klang unbekannt sind, nach den geheimen Prinzipien der Philosophie mehr bei einem magischen Werke, als Namen, die eine Bedeutung haben, indem die über ihre Rätselhaftigkeit verwunderte Seele zuverlässig etwas Göttliches darunter vermutet." Wir sind erhaben über Astrologie und Kabbala, und wir sind nicht geneigt, es unter den gleichen Begriff des Namensaberglaubens zu bringen, wenn Millionen Volksgenossen einen Zufallsnamen, den Rufnamen ihres Patrons, ihren Namenspatron, von Einfluß werden lassen auf ihren Lebensgang. Im Katholizismus beschützt der Heilige sein Patenkind. Und mir ist nur ein einziger Fall bekannt, in dem das Patenkind den Heiligen protegierte. Der große praktische Sprachkritiker Napoleon war auf den Namen "Napoleone" getauft worden; der Name stand nicht mehr im Kalender, so daß Napoleon Bonaparte den Tag seines Schutzheiligen nicht kannte. Nachher war der Papst so gefällig, dem Kaiser zu Ehren den heiligen Napoleon in den Kalender zu setzen und sogar auf den 15. August, den Geburtstag des Kaisers. Und der Papst hätte, wenn Napoleon Lust dazu gehabt hätte — die Anekdote ist historisch beglaubigt — auch noch einen geistlichen Vorfahr der Bonapartes heilig gesprochen.

Der weit verbreitete Aberglaube, daß der Besitzer eines Bildes durch Stiche und ähnliche Verletzungen am Bilde dem Original Schaden zufügen könne, ist mit dieser Namensfurcht und dieser Unterwerfung unter das Namensbild verwandt. Wir sind über solche Kindereien erhaben. Aber wir glauben auch Schaden zu leiden, wenn der Hauch unseres Namensklanges in bösen Mäulern schwingt. Wir glauben die Gespenster unserer Begriffe in ihrem Scheinleben zu erhalten, wenn wir ihre Namen konservieren. Und ist ein solcher Begriffsname trotz aller Vorsicht doch gestorben, kann man ihn nicht länger halten, weil er zum Himmel zu stinken anfängt, wie z. B. der schöne Name Lebenskraft, dann setzen sich die Bonzen des betreffenden Wortkultus zusammen, und geben den Verwandten der Lebenskraft, den anderen Seelenkräften, einen neuen Namen, z. B. den hübschen neuen Familiennamen: Vermögen. Und fangen die Vermögen zu verwesen an, so Werden sie wieder umgetauft und heißen: Funktionen. So heißen sie augenblicklich. Nach hundert Jahren wird der Name Kraft seinen üblen Geruch verloren, haben, und man wird die Funktionen wieder Kräfte nennen können.

Diese Abstraktionen erinnern an den polnischen Juden, einen modernen Mann, dem sein Name Moses nicht gefiel. Als er in Karlsbad war, wo ihn niemand kannte, stellte er sich darum als Itzig vor. Er hatte sich nicht merklich gefördert.

 

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