Wortfetische


Noch weit mehr als im gemeinen Sprachgebrauch wird in den Wissenschaften ein Fetischismus mit Worten getrieben; wie denn auch der Theologe, der aus dem Gespenst des Volks-aberglaubens ein System baut oder es auch nur weiter trägt, ärgeren Fetischismus treibt, als der einfache Bauer, der bloß an das Gespenst glaubt.

Wie wir nun leichter geneigt sind, die Theologen des Mittelalters oder die Theologen der Menschenfresser für Systematiker toten Wissens zu halten, als etwa die gegenwärtigen Professoren der Theologie, so sehen wir auch deutlich, daß in der Geschichte der Wissenschaften mit jetzt veralteten Begriffen Schwindel und Götzendienst getrieben worden ist, wollen aber nicht leicht dasselbe von den höchsten Begriffen der augenblicklichen Wissenschaft annehmen. Und doch ist die Personifikation oder Deifikation heute dieselbe wie zu alten Zeiten. Die einzelnen "Kräfte" spielen heute dieselbe Rolle, wie einst die qualitates occultae. Und wenn die Gelehrten auch, mit der Nase darauf gestoßen, den Fehler der Personifikation leugnen, so denken sie doch, sobald sie sich unbeobachtet glauben, in dieser kindlichen Weise weiter. Für den Arzt sind die einzelnen Krankheiten persönliche Kräfte, trotz Virchow, Personifikationen, die er bekämpft. Für den Naturforscher werden die Arten zu Personifikationen, trotz Darwin, wenn man es auch nicht zugeben will. Noch sichtbarer wird der Fehler da, wo die Selbstwahrnehmung unkontrollierbar die Grundvorstellungen abgibt. In der Psychologie wimmelt es von Personifikationen. Der menschlichen Seele werden z. B. drei Personifikationen unterschoben: der Verstand, die Vernunft und die Phantasie. Auch sonst freie Köpfe können sich — trotz ihrer eigenen besseren Einsicht, die im Einleitungs- oder im Schlußkapitel oder sonst an einer schicklichen Stelle kund gegeben wird — nicht leicht von dem Bilde frei machen, daß jede dieser Untergottheiten einer bestimmten Tätigkeit der Seele vorstehe, wie ein Abteilungsvorstand im Ministerium. Es ist genau derselbe Prozeß, wie etwa die Griechen für die großen Gebiete des Lebens sich besondere Schutzgottheiten deifizierten und wie sie dann für kleinere Abteilungen Spezialnymphen, wie Dryaden und Oreaden, personifizierten.

Der Begriff eines pantheistischen Gottes ist um nichts metaphorischer als der Begriff eines monotheistischen oder eines polytheistischen Gottes. So hat im Volksleben der Begriff der Souveränität sich zuerst das Oberhaupt des Stammes, dann den König der Volksgenossenschaft und dann die Gesamtheit des Volkes selbst zum Träger ausgesucht; die Souveränität war aber doch nur das Bedürfnis aller, sich gegen die Bestialität des einzelnen zu schützen. Patriarchie, Monarchie und Demokratie (Panarchie) waren verschiedene Formen des gleichen Bedürfnisses. Der große Irrtum des Anarchismus besteht darin, daß er die Bestialität der Menschen nicht sieht, daß er das Bedürfnis des Zwangs leugnet, daß er dieses Bedürfnis darum überwunden zu haben glaubt, weil er die logischen Grundlagen und die Legitimität der einzelnen Herrschaftsformen erschüttert hat. In der ersten modernen Demokratie (Panarchie) kam auch der systematische Pantheismus auf.


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