Worte sind Götter


Der Vorwurf des Fetischismus, der hier wiederholt gegen Wortmißbrauch erhoben wird, ist doch mehr als bloß ein Bild. Es scheint, als ob die Götter genau auf die gleiche Weise entstanden wären wie Abstraktionen, daß Götter eben auch nichts sind als Abstrakta, wie umgekehrt Abstrakta in Wahrheit nichts Wertvolles sind, sondern nur Götter.

Man beobachtete am scheinbaren Himmel, wie er bald blau ist und hell, bald finster und regnerisch, man brauchte eine Einheit für die verschiedenen Äußerungen des scheinbaren Subjekts und nannte sie z. B. Zeus. Der blaute oder donnerte und war ein Gott.

Man beobachtete an den scheinbaren Menschenseelen (die selbst wieder im einzelnen Menschen als ein Gott, als ein Ich, das Ich verschiedener Äußerungen, erfunden worden waren) ähnliche Grundstimmungen, Eigenschaften, die den anderen nützlich dünkten: Güte, Tapferkeit oder Zeugungskraft. Man hatte das Bedürfnis der Einheit und nannte das, was sich da angeblich bemerkbar macht: Tugend.

Viel deutlicher als in Nordeuropa, wo die alten Mythologien bis zur Unkenntlichkeit vernichtet worden sind, und in Hellas, wo die alte Sprache durch Mythologie verhüllt wird, läßt sich die Deifikation von Worten bei den Indern verfolgen. Der Opfertrank (soma) wird selbst zu einer Gottheit. Das Gebet (brahman), das zuerst materialisiert wird und wie der Opfertrank zu einem Stärkungsmittel der Götter, wird selbst zum Gotte, Brahmanaspati, Gebetes Herr, und endlich zum höchsten Brahrnan. Es ist nur konsequent, wenn die Väc dann, die heilige Rede, zum Weltprinzip gemacht wird. (Vgl. Deussen: Geschichte der Philosophie, I, 90, 147). Nur daß gelegentlich wieder die Väc zum Nachahmer des Verstandes, zu seinem Untergebenen gemacht wird.

Den Zeus hat die Astronomie exmittiert; sie hat ihm seinen Himmel genommen. So wird die Physiologie den Tugenden ihre Wohnung nehmen, die Seele.Als die Götter sich mehrten und schwer zu behalten waren, abstrahierte man aus ihnen die Gottheit, an die z. B. noch Voltaire und Lessing glaubten. Aus den Abstraktis ohne Kult hat man immer leerere Begriffe abstrahiert, bis man zum ausgeblasenen Abstraktum Sein oder Wesen gelangte.

Als Robespierre anstatt des abgeschafften obersten Gottes das "höchste Wesen" proklamierte, tat er eigentlich gar nichts, als ein dürres Abstraktum mit dem ihm einzig gleichwertigen vertauschen. Und das "höchste Wesen", so kurze Zeit es auch was galt, fand doch ebenso wie seine Vorgänger seine Pfaffen, seinen Hokuspokus, seine Kleiderkomödien und seine Hetzen und Metzeleien.

Lippert hat sich (Kulturgeschichte II, 438 u. f.) rechte Mühe gegeben, die Fetischanbeter von dem Verdachte loszusprechen, daß sie in dem handgreiflichen Dinge selbst den Gott sähen. Der Fetisch soll nicht ein Bild des Gottes sein, sondern mehr seine Behausung, sein Tempel. Bei Negern, Ägyptern und Indern sucht er diese feine Unterscheidung nachzuweisen. Ich lasse es dahingestellt, ob der Neger, der Ägypter, der Inder und endlich der gläubige Bauer irgend eines europäischen Kulturstaates wirklich so fein distinguiert. Mir handelt es sich darum, darauf hinzuweisen, daß der auch in den besten Köpfen bis zur Stunde herrschende Wortaberglaube, daß (um es ganz kurz zu sagen) unser gewohntes Denken auch außerhalb der Religion noch die größte Mühe hat, so fein zu distinguieren. Was ist denn der alltäglichste Artbegriff, wie Baum oder Hund, im Sinne Platons und des mittelalterlichen Realismus, also im Sinne von aller Welt, anderes als ein Fetisch, eine übernatürliche Kraft, welche bei der Entstehung jedes Baumindividuums oder jedes Hundindividuums übernatürlich hilft? Noch niemals hat ein Auge einen oder den Baum, einen oder den Hund geschaut, noch niemals eine oder die Eiche, einen oder den Pudel. Auch hat es noch niemals ein. oder das Auge gegeben. Und weil jede geheime Kraft oder Gottheit in irgend einem sinnlich wahrnehmbaren Dinge wohnen, an irgend etwas Wirkliches gebunden sein muß, weil man doch für solche ArtbegrifEe nichts Sinnlicheres besitzt als ihr Wort, so sind diese Gottheiten eben an die Worte als ihre Wohnsitze gefesselt. Und die Männer und Völker, welche durch die Jahrtausende an die Platonischen Ideen geglaubt haben, das heißt an die übernatürliche Wirksamkeit der Artbegriffe, (über deren einzig möglichen Sinn im Scheine des Darwinismus wir noch zu reden haben) dünken uns von diesem neugewonnenen Standpunkte aus einfach Fetischanbeter. Die rationalistische Theologie, welche gleich dem Neger Lipperts den handgreiflichen Fetisch verachtet und nur den in ihm hausenden Geist verehrt, welche auch die neueren Götter überwunden hat und nur von der aus der Vernunft entwickelten Religion Hilfe erwartet, erscheint uns dann wie der Glaube an die Macht des landläufigen Denkens, an die Macht der Logik, welche von der Verkettung von Worten Aufschluß erwartet über den nie noch beobachteten Zusammenhang der Welt. Und wenn ich selbst zwischen anderen zertrümmerten und verbrannten Fetischen auch die Wortfetische beiseite geworfen habe und mir einbilde, frei zu sein, so erwarte ich lächelnd den stärkeren Mann, der mit dem Finger zeigen wird auf einen neuen Fetisch sogar in meinen Fragen. Ich ahne auch die Richtung seines Fingers. Denn wenn ich auch deutlichdie Worte angeschaut habe als bloße Erinnerungszeichen für die Ähnlichkeit von Vorstellungen, so glaube ich doch zu wissen, daß selbst diese scheinbar objektive Ähnlichkeit mir von der ererbten Sprache souffliert wird, und daß demnach der Ordnungsgrund für meine Vorstellungsgruppen in dem letzten Fetischismus besteht, der wohl das Wesen des menschlichen Verstandes ausmachen kann. Ohne eine Dämmerung dieser Gedankengänge ist schon darauf aufmerksam gemacht worden, daß die Alten die menschliche Seele in dem warmen, feuchten Hauche zu entdecken glaubten, der dem Munde beim Atmen und Sprechen entfliegt. So konnte der Hauch, der animus, zum Fetisch der Menschenseele werden, das Wort zum Fetisch des seelenschaffenden Gottes.

Übrigens haben die Alten auch schon den Gedanken, daß Worte Götter sein können, daß der logos zum theos werden kann, naiv genug gestaltet in dem merkwürdigen Kult ihres Gottes Ajus-Locutius, des Gottes der Sprache. Man lese, was Diderot dazu boshaft bemerkt. Doch schon Cicero hatte den entscheidenden Scherz gewagt: dieser Gott habe gesprochen, so lange man nichts von ihm wußte; als er aber Gott geworden war, Tempel und Altäre hatte, da verstummte er. Gewiß. Worte sind Götter; denn Götter sind nur Worte.

Aus Angst vor dieser Wahrheit flüchtete die abgeklärte Religion vor nun hundert Jahren ins wortlose Gefühl, in das Gefühl der "schlechthinnigen Abhängigkeit". (Schleiermacher.) Damals konnte der achtzehnjährige Borne an Henriette Herz die Duselei schreiben: "Gott nur da, wo keine Sprache ist." (13. 11. 1804.)


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