Gebetworte


Es wäre für unseren Standpunkt ein wohlfeiler Scherz, den Wortfetisch in seiner Wirksamkeit von uralten Zeiten bis zur Gegenwart zu verfolgen. Doch es ist wirklich beachtenswert, wie in so vielen Religionen der brutale Wortfetischismus sich darin äußert, daß ein besonderer Wert auf die richtige Anrufung des Gottes gelegt wird. "Die Gottheit hört nicht auf jede beliebige Ansprache; sie muß in Wort und Ton den ihrigen erkennen." Das gilt für das Bild wie für das Wort. in Athen hatten nicht die Werke des Pheidias das höchste religiöse Ansehen, sondern die alten, ungeschlachten, "richtigen" Götterbilder; ebenso ist heute noch dem Frommen das alte Gnadenbild das richtige und nicht das nach der neuesten Mode gemalte. Nicht nur in Rom gab es eine genau vorgeschriebene Art, die Gebete vorzutragen; heute noch sorgt in der katholischen und in der griechischen Kirche wie in der jüdischen Synagoge der hergebrachte Tonfall sogar dafür, daß die Götter richtig angerufen werden. So hat sich in Indien das Sanskrit erhalten, bei den europäischen Juden die hebräische Sprache. Beim Besprechen von Krankheiten ist der Spruch genau vorgeschrieben, und auch der evangelische Pastor, der Krankheit durch Gebet heilen will, wird die entscheidende Gebetformel Silbe für Silbe sprechen, wie sie in der Lutherschen Bibelübersetzung steht. Das freie Gebet, der Glaube an eine persönliche Verbindung mit Gott ist Pietismus, also schon halbe Ketzerei. Es ist vom Standpunkte des Glaubens gegen die mechanische Ausnützung der Zauberkraft im Worte nichts einzuwenden. Bekanntlich besitzen die lamaischen Buddhisten sogenannte Gebetmaschinen oder Gebetmühlen, Zylinder, auf denen der Zauberspruch "Das Kleinod im Lotus Amen" unzähligemal aufgedruckt ist, und die mit der Hand oder auch durch Wasserkraft bewegt werden können. Anderswo ist diese Maschine noch nicht eingeführt worden.

Es kann kein Zweifel daran sein, daß das erwähnte Besprechen von Krankheiten, wie es auch heute noch in den europäischen Hauptstädten viel geübt wird, auf alte religiöse Bräuche zurückgeht, daß also die Besprechung eine alte Anrufung einer Gottheit ist. Die übernatürliche Hilfe galt selbstverständlich immer nur den Übeln des Menschen; und da Krankheit unter allen Übeln das lästigste ist, so konnte sich der Wortfetischismus auf diesem Gebiete am längsten erhalten. Im Vendidad wird einmal gesagt, Krankheiten könnten geheilt werden durch das Messer, durch die Sträucher oder durch das Wort. Das ist auch heute noch der Standpunkt unserer Kranken; höchstens daß die Reihenfolge eine andere geworden ist, da man jetzt zuerst zum Arzt mit seinen Medizinen, dann zum Pfaffen oder Besprecher und erst zuletzt zum Chirurgen geht.

Es war nur konsequent von den Brahmanen, wenn sie die Macht ihrer Gebetworte über die Macht ihrer Götter stellten. Sie brauchten nur andere Silben, eine andere Betonung an die Stelle des Richtigen zu setzen, und Gott und frommer Auftraggeber waren gefoppt. "Die Götter sind (durch die Gebetworte) in der Gewalt des wissenden Brahmanen." Man weiß bei solcher Gesinnung wirklich nicht, ob die Brahmanen, die ja einmal (vgl. Deussen, II, 58) den Menschen das Haustier der Götter nannten, nicht vielmehr in den Göttern die Haustiere der Brahmanen sahen.

Es versteht sich von selbst, daß der Wortfetischismus durch die Erfindung der Schrift nur gefördert werden konnte; denn ein beschriebener Papierfetzen oder eine deutlich sichtbare Schrift ist immer handgreiflicher als der flüchtige Hauch. Darum ist auch das Amulett, ein Papierschnitzel in einer Kapsel, ein weitverbreitetes Zaubermittel, besonders in den Ländern des Islam. Unsere Bauern verachten den Türken und schreiben auf ihre Stalltüre: C † M † B, was dem Vieh gut bekommen soll. Der orthodoxe Jude wiederum verachtet den Bauern und legt Gebetriemen mit Wortkapseln sich nach genauester Vorschrift um Stirn und Arm.


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