Die Löwen des Marc Aurel


Der Kaiser Marc Aurel war ein Philosoph und kannte darum den Wert der Namen. Er nannte manche Handlungen der Römer Tugenden, viele andere nannte er Laster; die Römer übten beide weiter, zahlten Steuern für die Handlungen, die deshalb Laster hießen, und befanden sich gut dabei. Nur die Kriege hörten unter dem philosophischen Kaiser nicht auf.

Einmal gab es Krieg gegen die Markomannen, die damals in Böhmen saßen und um ihrer Körperkraft willen berühmt waren. "Ich will euch meine Löwen mitgeben," sagte Marc Aurel, und die Soldaten zogen fröhlich mit ihren Löwen in den Kampf. Denn sie wußten durch den Namen allein, daß Löwen grausame Tiere von unbezwingbarer Kraft sind.

Als es zur Schlacht kam, sahen die Markomannen mit Erstaunen die gelben Tiere auf sich zuspringen.

"Was ist das?" fragten sie.

Der Führer der Markomannen war nicht naturwissenschaftlich gebildet, aber auch er war ein Philosoph und kannte die Bedeutung von Namen und Worten.

"Das da? Das sind Hunde, römische Hunde."

Und da die Markomannen es nicht anders wußten, als daß man Hunde totschlägt, wenn sie lästig werden, so schlugen sie die großen römischen gelben Hunde mit ihren Keulen tot.

Hätten die Markomannen aber Bildung besessen und den Begriff vom Löwen gehabt, so hätten sie auch gewußt, wie stark er ist, hätten sich totbeißen lassen und die Schlacht verloren.

Eine sichere Grenzlinie zwischen wirklicher und vermeintlicher Macht der Worte läßt sich nicht ziehen. Der schwarze Medizinmann Afrikas wie der ehrlichste Arzt unserer Universitäten kann durch Worte wirken wie ein Hypnotiseur, durch Zauberworte. Den Übergang von nüchterner Sprachbetrachtung zur Mystik finde ich am schönsten ausgesprochen bei Agrippa von Nettesheim (Magische Werke I, 327; Agrippa hat sich übrigens über seine kabbalistischen Schriften später selbst lustig gemacht.) Er sagt da nach einer ruhigen Darstellung des Sprachvorgangs: "Die Worte sind das geeignetste Verkehrsmittel zwischen dem, der spricht, und dem, der zuhört; und sie führen nicht allein den Gedanken, sondern auch die Kraft des Sprechenden mit sich, der sie den. Zuhörenden mit einer gewissen Energie zusendet, und zwar öfters mit solcher Gewalt, daß sie nicht bloß die Zuhörer verändern. sondern auch andere Körper und leblose Dinge." Das nächste Kapitel beginnt Agrippa schon mit den Worten: "Die Eigennamen sind bei magischen Operationen sehr notwendig, wie fast alle Magier versichern."



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Seite zuletzt aktualisiert: 30.06.2005