Redekunst


Schon Platon hat (im "Gorgias") alles gesagt, was über die Kunst der Rednerei zu sagen wäre. Daß sie gar keine Kunst sei. Am nächsten zur Kochkunst zu stellen (17). Daß Einschmeichelei bei ihr die Hauptsache sei. Wie die Kochkunst zur Heilkunde, so verhalte sich die Rhetorik zur Justiz. (Koch-Kunde sollte man sagen, nach 55.) Auch ein Perikles wird da nicht ausgenommen (58). Ein Sophist und ein Rhetor haben nebeneinander feil (75). Mit solchen Ansichten, läßt Platon seinen Sokrates (77) sagen, werde er immer verurteilt werden; wie unter Kindern der Arzt verurteilt würde, wenn die Köchin ihn verklagte.

Redekunst ist zu häufig geheuchelte Wärme. Es kann vorkommen, daß ein Mensch eine Mitteilung zu machen hat, die für den Redenden oder den Hörenden von Wichtigkeit ist, oder die den Hörenden zu irgend etwas bestimmen soll.

Es kann aber nicht vorkommen, daß ein Mensch von Natur durch seinen bloßen Willen warm werden kann. Sogenannte gute Redner auf der Kanzel, in der Volksversammlung, im Parlament und in populären Vorlesungen machen mir oft einen Eindruck, als ob sie beim Kellner eine Speise zu bestellen hätten und täten das in Versen. Wenn sie wirklich mal was zu sagen haben, so sollen sie's klar sagen, aber nicht schön. Als die Sprache entstand, war gewiß die Bildung jedes neuen Worts mit Kunst und Wärme verbunden. Die fertige Sprache erst ließ sich mit künstlicher Wärme gebrauchen.

Darum hat es der alte Agrippa von Nettesheim gut getroffen, wenn er das Kapitel De Rhetorismo hinter das De Histrionica setzt und also anhebt: "Erat et saltatio rhetorica, histrionicae non dissimilis, sed remissior", was (1605) ein alter französischer "Übersetzer fast noch gröber wiedergibt: "Une autre manière de Bai se pratiquoit anciennement, qu'ils appelloient Rhétorisme, à peu pres semblable à celuy des basteleurs, un peu plus pose toutefois." Wobei allerdings die Vorstellung lebhafter und schulgemäßer Gesten, wie sie ja bei Rednern lateinischer Völker noch heute häufig sind, mitgesprochen haben mag.

 

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